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Ministerium für auswärtige Angelegenheiten

Der Himmel glüht in grün - Botschaft von Finnland, Berlin : Aktuelles

BOTSCHAFT VON FINNLAND, Berlin

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Nachrichten, 27.03.2013 | Botschaft von Finnland, Berlin

Der Himmel glüht in grün
Magisches Schauspiel an Finnlands Firmament

Sie schweigen am liebsten, kennen kein Futur und tanzen zu zweit in Moll.
Sie messen sich im Luftgitarrespielen und Frauentragen, vergöttern schräge Musiker mit überdimensionalen Tollen oder Gummimasken, sitzen stundenlang vor Eislöchern.
Exoten in Europa: Die Finnen.
Und sie genießen ein Privileg: Nordlichter.

von Tarja Prüss

"Tervetuloa"= Herzlich willkommen. Gastfreundschaft wird großgeschrieben in dem Land, in dem es mehr Handys als Menschen und mehr Saunen als Autos gibt: auf drei Einwohner kommt eine Sauna, pro Quadratkilometer nur 16 Menschen (Deutschland: 230 Einw./km2). Doch wage es niemand, mit Schuhen eine Wohnung zu betreten. Ungeschriebenes Gesetz. Die Finnen lernt man am besten strumpfsockig oder barfuß in der Sauna kennen. Da taut der Finne auf: Hier werden Geschäftsbesprechungen abgehalten, hier grübelt man mit dem Nachbarn über den Sinn des Lebens.

Klirrende Kälte - nur was für unverfrorene Herzen

Bizarre Winterlandschaften. Bild: Visit RovaniemiBizarre Winterlandschaften. Bild: Visit Rovaniemi

Eine Welt, ganz aus weiß - Symbol für Licht, Neues, Unschuld und letztlich die Summe aller Farben. So verwundert es nicht, dass es entgegen dem Vorurteil, Finnland sei im Winter dunkel und düster, überraschend hell ist, selbst in der Nacht. Eiskristalle reflekieren jeden Lichtstrahl. Und so glitzert der Schnee tagsüber im Sonnenlicht, auch wenn sich die Sonne nur knapp über dem Horizont zeigt. Die Weite, die Klarheit, die Stille – sie wirken auf mich. Der Alltag ist plötzlich weit weg, Stille kehrt ein auch in meinem Kopf. Klarheit breitet sich aus und ganz neue Gedanken haben Platz. Das Herz weitet sich angesichts der atemberaubenden Natur. Tief einatmen. Zu sich selbst kommen.

Unter der Schneedecke ist auch die Natur zur Ruhe gekommen. Erstarrt – selbst die großen Seen liegen verborgen unter einer dicken Eisschicht, die man zu dieser Zeit selbst mit dem Auto befahren könnte. Geduldig auf den Frühling wartend. Wenn Mika, der Sohn des Motorschlitten-Verleihers, davon spricht, dass der April nicht mehr weit ist und bald der Frühling kommen werde, dann leuchten seine Augen plötzlich und sein Gesicht wandelt sich zu einem einzigen Ausdruck der Vorfreude auf wärmere Zeiten. Sein Strahlen färbt auf mich ab. Gemeinsam malen wir uns aus, wie der Frühling Einzug hält und lachen viel dabei. Wer solch harten klimatischen Bedingungen ausgesetzt ist, nimmt die Natur intensiver wahr als wir.

Und während draußen der Schnee geradezu mit dem Weiß-Blau des Himmels verschmilzt und der Horizont seine Bedeutung verliert, gewinnen Farben im Inneren die Aufmerksamkeit des Betrachters: viel Holz, farbenprächtige Teppiche am Boden und an den Wänden sowie buntgemusterte Vorhänge. Wohlige Wärme strömt einem entgegen und der Geruch frischgebackener Pulla (ein Hefegebäck mit Kardamom, Zimt und Zucker) oder der typische Geruch brennender Birkenscheite.

Rentierzucht im Nordlicht

Nordfinnland - Land der Samen. Bis heute betreiben die Samen Rentierzucht. Wissen und Tradition werden von Generation zu Generation weitergegeben. Ein harter, wenn auch einträglicher Job. Keine Touristenattraktion, selbst wenn mittlerweile Besuche auf der Rentierfarm mit Lassowerfen und Rentierschlitten-Ausfahrt angeboten werden. Über Wochen hinweg begleiten die Hirten ihre Herde, halten sie zusammen, vertreiben den Vielfraß und andere Feinde, heutzutage zwar bequemer mit Motorschlitten und Handy, aber von westlichen Komfortmaßstäben sind die Kotas (nach oben spitz zulaufende Holzhütten) ohne Strom und Wasser, mit kleinen schmalen Bänken und einer Feuerstelle in der Mitte auch heute noch weit entfernt. Trotzdem wollen immer mehr junge Samen zurück zu ihren Wurzeln und Rentierhirten werden, sodass sich die EU mittlerweile gezwungen sieht, die Obergrenzen für Rentiere jährlich neu festzulegen, damit die Balance der Naturkreisläufe gewahrt bleibt.

Die Samen sind stolz auf ihre Tradition, auf ihre Geschichte, ihre Trachten und ihre Musik: die Joikgesänge. Für meine Ohren sehr fremdartige Klänge, mit gutturalen Obertönen und einer unbekannten Rhythmik. Man ahnt etwas von der speziellen Verbundenheit dieses letzten Urvolks in Europa mit seinen Wurzeln. Tuomo, der Joiker aus Enontekiö, sagt: „Joik ist Bestandteil unseres schamanistischen Glaubens. Man joikt nicht über etwas, man joikt die Dinge selbst, so dass sie anwesend sind.“

Manche Familien nennen tausende Rentiere - Poros auf finnisch - ihr Eigen. Über die genaue Zahl spricht man nicht. "Ich frage doch auch nicht, wieviel du auf deinem Konto hast", entgegnet Samuli charmant, ein Rentierhirte aus Näkkälä. Ein Dorf in der finnischen Tundra, in dem 30 samische Familien leben, ein Dorf, zu dem bis in die 70-er Jahre nicht einmal eine Straße führte. Und so werden meine Fragen häufig mit einer kurzen Gegenfrage beantwortet, über die ich dann selber nachdenken darf. Und so geht von den Samen, die ich kennenlerne, eine selbstbewusste und zugleich bescheidene Weisheit aus. 

Schweigen und nochmal Schweigen

Aber am liebsten schweigen die Finnen. Stundenlang können sie einfach nebeneinander sitzen, trinken, schweigen und eine gute Zeit haben. Smalltalk ist gar verpönt - Zeitverschwendung. Lieber schaut man ins Feuer oder auf den See. Und hängt seinen Gedanken nach. Ein sehr entspanntes Volk. Sein-Menschen. Ihre Sprache kennt keine Geschlechterunterscheidung, kein Futur und kein Wort für Bitte. „Ole hyvä“ umschreibt das Bitten elegant mit „Sei so gut“.

Vielleicht liegts ja auch an der schwierigen Sprache. Eine Sprache, die 15 Fälle kennt, die alles als Suffixe ans Wort anhängt, sodass für den Außenstehenden unaussprechlich monströse Wortgebilde entstehen. Nur ein Beispiel: „Syyttämättäjättämispäätöksensäkö?“ bedeutet soviel wie: „ist es seine oder ihre Entscheidung, etwas strafrechtlich nicht zu verfolgen?“

Eine Sprache, die allein sechs verschiedene Kasus für Ortsbeziehungen kennt, deren feine Unterscheidungen sich einem selbst nach jahrelanger Beobachtung nicht annähernd erschließen. Eine Sprache, die nur in Fremdwörtern B, X oder Z kennt, dafür umso mehr Umlaute und Konsonanten, die dafür doppelt, in ihre Worte einbaut. Und eine Sprache, die keine Zukunftsform kennt. Vielleicht, weil die Finnen gerne in der Gegenwart, im Hier und Jetzt des Moments leben. Und sich nicht so viele Gedanken über die Zukunft machen wie andere Europäer.

Faszination Aurora Borealis

Aurora Borealis. Bild: Visit FinlandAurora Borealis. Bild: Visit Finland

Enontekiö, die nordlappische Region, hat knapp 2.000 Einwohner und mehr als 20.000 Rentiere. Enontekiö bedeutet soviel wie Erzeuger der Ströme, denn hier entspringen die Flüsse Ounasjoki, Muonionjoki und Palajoki, die in den Bottnischen Meerbusen münden. Um die Jahreswende zeigt sich die Sonne acht bis zehn Wochen gar nicht. Temperaturen bis minus 40 Grad sind keine Seltenheit. Als Entschädigung dafür wird ein magisches Schauspiel am nächtlichen Himmel geboten: Aurora Borealis, besser bekannt als Polarlichter. Nirgendwo sonst in Finnland treten sie so häufig wie in Enontekiö auf. Mystische Lichter, von der Sonne entsandt. Denn die Sonne hat einen Herzschlag - alle elf Jahre schlägt es besonders stark. Gasexplosionen auf der Sonnenoberfläche sorgen für bizarre unheimliche Stimmungen am klaren Nachthimmel. Und genau jetzt befinden wir uns auf dem Höhepunkt dieses Zyklus.

Wer sich die Mühe macht, vier Lagen Kleidung anzuziehen und trotzdem frierend bei unvorstellbaren Minusgraden stundenlang in den Himmel zu starren, wird reich belohnt: die Aufregung ist wie als Kind kurz vor dem eigenen Geburtstag. Nordlicht-Alarm! Und dann erscheint es: langsam und doch plötzlich färben sich Teile der Nachtluft, werden deutlicher und bewegen sich in Zeitlupe über den Nachthimmel. Gespenstisch manchmal, magisch, spektakulär: dann wirbelt der Polarfuchs mit seinem Schwanz Schnee auf, der als Funkenfeuer am Himmel grüne und manchmal auch rote Formationen zaubert. So erklärten sich die Finnen früher das Naturspektakel. Daher auch die finnische Bezeichnung: revontulet = Fuchsfeuer. Linien, Kreise, Bänder, manchmal züngelnde Flammen ziehen wie von Geisterhand über den Himmel.

Die Jagd nach diesen Lichterscheinungen zieht viele in den Bann: Aurora-Hunter gibt es mittlerweile weltweit. Infiziert vom magischen Licht. Bereit, Mühen, Kälte und Entbehrung auf sich zu nehmen, um eines dieser Polarlichter einzufangen, mit Herz, Seele und Pupille, auf Polaroid zu bannen oder digitalisiert festzuhalten. Den einen Moment. Süchtig nach der Einzigartigkeit dieses Himmelsspektakels. Trotz aller Technik, Sonnenfleckenbeobachtung durch die NASA und Magnetographen der großen geophysikalischen Observatorien auf der ganzen Welt: Polarlichter sind nicht genau vorhersehbar, nicht berechenbar, nicht messbar. Eines der wenigen Rätsel, das uns noch geblieben ist. 

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Aktualisiert 27.03.2013


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