
Der Himmel war den Komödianten gewogen: Strahlendes Blau und warme, immer noch helle Nächte machten die Theaterwoche im finnischen Tampere zu einem einzigen Fest für Schauspieler, Tänzer, Musikanten, Straßenakteure, Akrobaten und ihre über 85 000 Zuschauer. „Hier sammeln und konzentrieren sich die Besten,“ sagt Anja Alanne, „es gibt immer neue Impulse von energischen, neugierigen jungen Theatergruppen.“
Anja muss es wissen: Ihr ganzes Erwachsenenleben ist die lebhafte Pensionärin Theaterfreundin gewesen. Anja, die ehemals in Helsinki im Bildungsministerium gearbeitet hat, heute auf dem Dorf lebt, ist zum achten Mal in Tampere dabei: Das große Ereignis in der ersten Augustwoche findet hier schon zum 43. Mal statt, es gilt als Schaufenster für die besten finnischen, aber auch für internationale Produktionen. Wie Anja ziehen viele Theaterfans mit dem Rucksack und einem Bündel Karten, sommerlich gekleidet und gut gelaunt, durch die Straßen. Drei Stücke an einem Tag – eine ganze Woche lang: Anja ist für alle Inszenierungen und Richtungen offen. Sie schwärmt für den „Mann ohne Vergangenheit“, den der Prager Miroslav Krobot nach dem Film von Aki Kaurismäki mit feinem Humor bearbeitet hat, ist aber ebenso angetan von „The Deer House“, dem provokativen Stück des vielfach ausgezeichneten belgischen Regisseurs Jan Lauwers mit spektakulären Bühnenbildern.
Auch Angela Plöger, Übersetzerin aus dem Finnischen, zieht es alljährlich zum Festival nach Tampere: „Das hier ist geballte Kultur,“ sagt die Hamburgerin - “ diese Stimmung gibt es nur hier, in einer überschaubaren Stadt, wo alle fröhlich sind und das Licht und den Sommer genießen.“
440 Aufführungen und Events, 163 verschiedene Theater oder Organisatoren, 127 Schauplätze: Das Festival von Tampere, so meint Direktorin Hanna Rosendahl, sei einfach „das größte, älteste und schönste in Skandinavien“. Nicht nur in den 12 alten und neueren Schauspielhäusern der Stadt, auch in einem großen Zelt auf dem zentralen Platz wird gespielt und getanzt, in sechs Clubs und Bars und auf den Straßen kostenlos. „Dem Theater kannst Du hier gar nicht entgehen,“ sagt Hanna.
Mittendrin, am 4. August, das „große nächtliche Happening“ – Kultur als Karneval, durch den sich die Zuschauer treiben lassen: Dort hört man Tangos von Piazzolla und Lieder von Kreisler, ein paar Straßen weiter religiösen Rap. Im Hof einer der alten Fabriken sitzen und stehen die Zuhörer dicht an dicht, auf der Bühne wird mitreißend getrommelt. Die Kunst-Galerie „Himmelblau“ ist die ganze Nacht hindurch geöffnet, in Kinos laufen Horrorkomödien, Dokus und neue finnische Kurzfilme, draußen treibt die Gruppe Flamma ihr akrobatisches Spiel mit dem Feuer.
Eine Einladung hierher zu bekommen, sei für eine Truppe nicht leicht, sagt Hanna, die selber früher eine Tanzcompagnie leitete: „Unser Qualitätsanspruch ist hoch.“ Unter den Stücken, die weltweit für das Festival ausgesucht wurden, sind auch vier Prospero-Produktionen: Im Prospero-Projekt, das vom EU-Kulturprogramm gefördert wird, haben sich sechs europäische Elite-Theater zusammengeschlossen, darunter auch die Berliner Schaubühne.
Die Leute von Tampere machen es ihren Gästen leicht: „Die Menschen hier sind mitteilsam und kontaktfreudig,“ weiß Panu Raipia, „und ins Theater geht jeder, auch außerhalb des Festivals.“ Panu ist Chef des „Komediateatteri“, der 20 Jahre alten, drittgrößten Bühne der Stadt: „Meine ganze Familie arbeitet im Theater“. Immer schon waren die Einwohner von Tampere, Finnlands drittgrößter Stadt, Theater-Fans: So hatten die Arbeiter der zahlreichen Schuh-, Zellulose- und Textilfabriken zur industriellen Blütezeit ihr eigenes Theater, heute zählt das schöne alte Haus im nordischen Jugendstil jährlich 160 000 Besucher. Panu: „Jetzt gehen natürlich alle überall hin.“
Panu berichtet über seine Idee, die Untertitel der finnischen Stücke für die ausländischen Besucher durch eine handliche elektronische Übersetzung zu ersetzen. Währenddessen wird seine siebenjährige Tochter Idalilja, die schon in der Vorschule fließend Englisch gelernt hat, ungeduldig: Auf keinen Fall will sie die Aufführung von „Pinocchio“ um 12 Uhr verpassen.
„Manse“ – den Spitzname für Tampere, abgeleitet vom britischen „Manchester“, hören die Einheimischen gar nicht so gern. Die anderthalb Zugstunden von Helsinki zwischen zwei Seen gelegene finnische Stadt hatte zwar mit der britischen Metropole den industriellen Boom gemeinsam, der mit den 80er Jahren hier wie dort zu Ende ging. Doch Tampere erlebte nicht den von Verelendung, Aufruhr und Kriminalität begleiteten Niedergang, der Manchester in Verruf brachte. Schicke Lofts und ökonomischer Erfolg im Zentrum stehen dort heute in scharfem Kontrast zu den umgebenden Bezirken.
Mit erstaunlichem Geschick gelang es in Tampere, die industrielle Vergangenheit und ihre architektonischen Zeugen in die neue Zeit zu überführen: Neben den Türmen der Kirchen, darunter der schönste Dom des Landes im nationalromantischen Stil mit seinem Geläut aus dem thüringischen Apolda sowie eine prächtige orthodoxe Kathedrale aus der Zeit der russischen Herrschaft, ragen ein Dutzend Backstein-Fabrikschlote empor.
Bestens in Form sind auch die vielen harmonischen Fabrikgebäude, denen sie einstmals dienten, 75 Prozent der roten Gebäude sind erhalten. Wo ehemals Webstühle und Papiermaschinen klapperten und Leder auf den Leisten gezogen wurde, sind nun Kinos, Altenheime, Schulen, Büros, Galerien und natürlich auch Restaurants eingezogen: „Alle alten Gebäude sind in modernem Gebrauch,“ erklärt Stadtführerin Kaarina Paakkarinen, „die Umstellung hat gut funktioniert.“ In den Hallen von Finlayson, dem ersten, patriarchalisch geführten Großindustrieunternehmen des Landes, sind heute 3 000 Menschen beschäftigt, ebenso viele wie damals.
“Wir Finnen sind langsam,“ meint Kaarina, „das hat mit dem Klima und der nördlichen Lage zu tun, aber nun werden auch wir international“. Das zeigt sich auch in der Freude an kulinarischer Vielfalt: An den Marktständen vor dem Stadttheater stehen die Käufer Schlange: Hier bieten in den Sommerwochen Händler aus der Normandie französischen Käse an. Begehrt sind auch die französischen Oliven in den Holzbottichen, geduldig warten die Menschen am Stand mit den duftenden französischen Baguettes und anderem Backwerk aus dem Land der Feinschmecker.
„Hyvä ruoka, parempi mieli“: „Gutes Essen, bessere Laune“ – der Werbespruch ist in Finnland fest etabliert und zur Redensart geworden. Die Leute von Tampere genießen nicht mehr nur ihre berühmte Blutwurst, sondern warten mit Lavendel-Lachs und Fenchelpüree auf, danach gibt es Moltebeeren mit weißer Schokolade, hoch droben im Turm-Restaurant Näsinneula, mit Blick auf die von Seen und Wald umgebene Stadt. Sorgfältig ausgesucht sind hier die heimischen Köstlichkeiten wie „Erdbeeren aus Heikkis Garten, mit Sahnesorbet“ und die in der Region hergestellten Käse.
Mit einem bunten Picknick im Sorsapuisto-Park endet indessen die Parade der Frauen, die in Tampere besonders selbstbewusst scheinen: In den Fabriken hatten sie einst die Oberhand, rund 10 000 mehr Frauen als Männer arbeiteten dort, im blutigen finnischen Bürgerkrieg von 1918 kämpften sie mit auf den Seiten der „Roten“.
Am Samstag, einen Tag vor Ende der Theaterwoche, haben sich etwa 1500 zum „Slutwalk“ getroffen, der in verschiedenen Großstädten der Welt schon veranstalteten „Schlampen-Demo“. Schrill aufgemacht, mit Strapsen, als Nonne oder als Punkerin, protestieren sie gegen die Forderung eines kanadischen Polizisten, sich mit dezenter Kleidung besser vor männlichen Übergriffen zu schützen.
Die Festival-Leitung und Eevamaija Miettinen-Kopsa, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit, atmen indessen schon durch und freuen sich: „Alles ist bestens gelaufen,“ sagt Eevamaija und gibt zum dramatischen Ausklang des Schlusstages einen poetischen Wetterbericht: „Der Himmel öffnete sich und schüttete Wasser, als ob er bitterlich weinte.“
Renate Nimtz-Köster