Direkt zum Inhalt
Ministerium für auswärtige Angelegenheiten

Fennistik-Professor Marko Pantermöller ”Die finnische Sprache ist anders, aber nicht schwieriger als andere Sprachen” - Botschaft von Finnland, Berlin : Aktuelles

BOTSCHAFT VON FINNLAND, Berlin

Botschaft von Finnland
Rauchstraße 1, 10787 Berlin
Tel. +49-30-50 50 30
E-Mail: info.berlin@formin.fi
Deutsch | Suomi | Svenska |  |  |  | 
Normale SchriftGrößere Schrift
 
Nachrichten, 09.07.2010 | Botschaft von Finnland, Berlin

Fennistik-Professor Marko Pantermöller ”Die finnische Sprache ist anders, aber nicht schwieriger als andere Sprachen”

Die Greifswalder Ernst-Moritz-Arndt-Universität bietet Fennistik als Masterstudiengang an. Das Studienfach ist beliebt – gegenwärtig haben über 100 Studierende die finnische Sprache, Literatur und Kultur als Hauptfach gewählt. Seit Anfang April ist Professor Marko Pantermöller Inhaber des Lehrstuhls für Fennistik. Am 21. Juni 2010 hielt er seine Antrittsvorlesung. Aus diesem Anlass haben wir Prof. Pantermöller interviewt. Das Interview wurde auf Finnisch geführt.

Prof. Marko PantermöllerProfessor Marko Pantermöller hielt seine Antrittsvorlesung am 21.6.2010.

 

 

 

 

 

 

 


Herr Professor Pantermöller, woher stammt Ihr Interesse für die finnische Sprache?

MP: Ich habe mich schon immer für Sprachen interessiert, sowohl für meine Muttersprache als auch für Fremdsprachen. In der Schule besuchte ich eine Spezialklasse, in der Fremdsprachen über das übliche Maß hinaus unterrichtet wurden. Mein Interesse führte mich zum Nordischen Institut in Greifswald, an dem ich mich im Jahre 1991 für Skandinavistik einschrieb.

Es musste jedoch auch ein zweites Hauptfach gefunden werden. Ich schaute mich in verschiedenen geisteswissenschaftlichen Instituten um, aber ich vermochte nicht, auf Anhieb eine Entscheidung zu treffen. Also suchte ich nochmals Rat am Nordischen Institut und erfuhr, dass man dort auch ein gerade reformiertes Fennistik-Magisterstudium anbot. Auf diese Weise wurde ich der zweite Student des neuen Fennistik-Programms – anfangs vor allem aus pragmatischen Gründen

Es handelte sich also um einen reinen Zufall; ähnliche Zufälle sind mein finnischer Vorname und mein Geburtstag, der genau mit dem von J.V. Snellman zusammenfällt. Dass die finnische Sprache von der ersten Studienwoche an mein Herz eroberte, war dagegen kein Zufall mehr. Das Studium erforderte von Anfang an viel Zähigkeit und Durchhaltevermögen und ich wollte einen Lohn für meine Mühen.

Wie würden Sie die finnische Sprache charakterisieren?

MP: Die finnische Schriftsprache ist meiner Meinung nach eine sehr regelhafte Sprache. Ihre Rechtschreibung ist beispielhaft und auch phonetisch birgt sie keine unüberwindbaren Hindernisse, obgleich eine völlig native Aussprache für Ausländer in der Regel nur selten zu bewerkstelligen ist. Als Wissenschaftler kann ich sagen, dass die finnische Schriftsprache weitgehend das Resultat eines bewussten Entwicklungs- und Auswahlprozesses ist. An diesen Umstand heftet sich mein wissenschaftliches Interesse in besonderem Maße.

Es geht die Legende, nach der Finnisch eine besonders schwierige Sprache sei. Stimmen Sie dem zu? Ist Finnisch Ihrer Meinung nach schwierig zu erlernen?

MP: Dies ist – wie gesagt – eine Legende. Ich würde es vielleicht so ausdrücken, dass zu Beginn des Studiums etwas mehr Beharrlichkeit nötig ist. Das Erlernen der finnischen Sprache ist ein stark konsekutiver Prozess, das heißt das Erlernen von Neuem baut auf kurz zuvor erworbenes Wissen auf. Eine früh entstandene noch so kleine Lücke kann sich schnell zu einem größeren Problem entwickeln. Im übrigen würde ich sagen, dass die finnische Sprache zwar anders, aber nicht schwieriger als andere Sprachen ist.

Wie ist die Situation des Finnischunterrichtes in Deutschland und was könnte zu seiner Förderung getan werden?

MP: Laut der von CIMO [Centre for International Mobility] jährlich herausgegebenen Publikation ”Suomea maailmalla” [dt. „Finnisch in aller Welt”] wird die finnische Sprache an 14 deutschen Universitäten gelehrt. Rein äußerlich scheint die Situation des Finnischunterrichtes in Deutschland also nahezu vorbildlich zu sein. Ganz so ist es jedoch nicht. Der knappe Überblick vermittelt ein Bild, das in seiner Einfachheit leicht täuschen kann. Lehre, die zu fortgeschrittenen und vertieften Kenntnissen der finnischen Sprache und Kultur führt, wird nur an wenigen Universitäten angeboten.

Fennistik kann man außer in Greifswald auch in Köln und als kleineres B.A.-Nebenfach der Skandinavistik in Berlin studieren. In Hamburg, Göttingen und München, wo Finnisch zum Curriculum der Finnougristik gehört, obliegt der gesamte finnische Sprach-, Literatur- und Kulturunterricht oft nur einer einzigen Lehrkraft. Seit dem Übergang zum neuen B.A.-System sind die Immatrikulationszahlen in einigen Finnougristik-Instituten sehr besorgniserregend. Bei dem Studienfach Fennistik ist dies nicht der Fall.

Trotz der erfreulichen Studierendenzahlen lebt auch die Fennistik in einem akademischen Umfeld, in dem in zunehmenden Maße Hochschulpolitik auch nach wirtschaftspolitischen Kriterien betrieben wird. Im Wettbewerb um messbare Effizienz und Rentabilität leiden die humanistischen Fächer an fast allen deutschen Universitäten. Vor diesem Hintergrund ist die politische Unterstützung aus Finnland besonders wichtig. Ich bin wirklich dankbar dafür, dass in Finnland sehr interessiert verfolgt wird, wie es der finnischen Sprache an den deutschen Universitäten ergeht. Es ist schwer vorstellbar, wo wir ohne diese politische Unterstützung wären, von der praktischen Unterstützung seitens CIMO ganz zu schweigen.

Ein wichtiges Instrument zur Förderung der finnischen Sprache in Deutschland ist zudem die Entwicklung attraktiver Lehrpläne, in denen die Kombinationsmöglichkeiten der Fennistik auch auf einem höheren Niveau über die humanistischen Fächer hinausreichen.

Was möchten Sie als neuer Fennistik-Professor besonders fördern bzw. betonen?

MP: In einem personell so kleinen Fachbereich wie der Fennistik ist die Zusammenarbeit mit anderen Standorten des Finnischunterrichts sehr wichtig. Ich möchte die von meiner Vorgängerin Sirkka-Liisa Hahmo initiierten Maßnahmen zur Weiterentwicklung der innerdeutschen Zusammenarbeit fortsetzen. Aber auch in unseren Nachbarländern gibt es Fennistik-Lehrstühle, mit denen sich eine verstärkte Zusammenarbeit lohnen würde. Der von Greifswald aus gesehen nächstgelegene mögliche Kooperationspartner ist in der Universität Poznan zu finden. Daher freut es mich sehr, dass Professor Mrozewicz zu meiner Antrittsvorlesung gekommen ist.

Was motiviert heutzutage junge Leute, Finnisch zu lernen?

MP: Finnland ist für deutsche Jugendliche so etwas wie ein gutes Markenzeichen! Auf dem Gebiet der Kultur erwies sich das Kulturexport-Projekt des finnischen Staates als hervorragendes Mittel, um mehr junge Deutsche für die finnische Kultur zu interessieren. An und für sich ist es fast egal, ob es finnische Popmusiker, Spitzensportler oder ganz konkrete eigene Pläne beispielsweise hinsichtlich einer Zukunft in Finnland sind, die die Studenten in den Finnischunterricht locken. Wichtig ist, dass das Studium nicht zu einer vernunftgesteuerten Pflichtübung wird. Besondere Voraussetzungen sind nicht nötig. Am wichtigsten und manchmal auch problematischsten ist eine gründliche Beherrschung der Muttersprache.

Und welche Möglichkeiten haben Finnisch-Studenten später im Berufsleben?

Dies ist eine wichtige, aber auch komplizierte Frage, denn die Bandbreite der Möglichkeiten ist sehr groß. Jeder Einzelfall hängt von vielen Faktoren ab, wie z.B. der Fächerkombination und der Bereitschaft der Studenten, sich bei der Wahl des Wohnortes flexibel an den Arbeitsmarkt anzupassen. Arbeitsmöglichkeiten gibt es beispielsweise in der Erwachsenenbildung sowohl in Finnland als auch in Deutschland, bei in Finnland engagierten deutschen Unternehmen oder vice versa, in den Medien, im Tourismus usw. Kenntnisse der finnischen Sprache und Kultur sind hierzulande selten und daher eine umso gewichtigere Qualifikation! In Verbindung mit der Bereitschaft zur Flexibilität eröffnet sie ganz sicher Möglichkeiten zu äußerst interessanten Arbeitsplätzen.

Wenn Sie das schwierigste finnische Wort wählen sollten, welches wäre es? Und das schönste?

Phonetisch schwierige Wörter fallen mir ad hoc nicht ein. Aus meinen Studienzeiten erinnere ich mich noch an die Tücken der folgenden Gegensatzpaare: ”Minun täytyy” ⇔ ”Minun ei tarvitse” [dt. ”ich muss” vs. ”ich muss nicht”] , ja ”molemmat” ⇔ ”ei kumpikaan” [dt. ”beide” vs. ”keiner von beiden”].
Schön finde ich den Ortsnamen ”Virrat” [dt. etwa ”Die Ströme”], obgleich ich nur einmal dort war.  

Professor Marko Pantermöller

Professor Marko Pantermöller hat u.a. Finnisch an der Universität Greifswald, der Universität Helsinki und der Schwedischen Handelshochschule Hanken studiert.

Er promovierte im Jahr 2002 – passend zum 200. Geburtstag von Elias Lönnrot – über die Integration von Fremdwörtern in der finnischen Sprache.

Das Thema seiner Habilitation war der finnische Abessiv.



Finnischunterricht an der Universität Greifswald

Finnischunterricht gibt es an der heutigen Nordischen Abteilung der Universität Greifswald bereits seit dem Jahr 1921. Der Lehrstuhl für finnische Sprache und Literatur wurde im Jahr 1975 gegründet.

Das Studienfach Fennistik umfasst neben finnischer Sprache, Literatur und Kultur auch Basiswissen über andere ostseefinnische Sprachen wie z.B. Estnisch.

www.uni-greifswald.de

  

Seite drucken

Dieses Dokument

Aktualisiert 09.07.2010


© Botschaft von Finnland, Berlin | Impressum | Kontakt