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Friedrich Pacius 1809–1891 - Botschaft von Finnland, Berlin - Generalkonsulat von Finnland, Hamburg : Aktuelles

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Reden, 27.12.2009 | Generalkonsulat von Finnland, Hamburg

Friedrich Pacius 1809–1891

Prof. Matti Vainio, Festrede am 7.12.2009 anlässlich des Empfangs des Generalkonsulats von Finnland zum finnischen Nationalfeiertag, finnische Seemannskirche Hamburg.

Prof. Matti VainioProf. Matti Vainio

Es ist mir eine große Freude, Hamburg, die Geburtsstadt von Friedrich Pacius,  zu besuchen und anlässlich seines Jubiläumsjahres bei dieser Feier etwas über das Leben und Werk  des „Vaters der finnischen Musik“ zu erzählen.

 Es war  reiner Zufall, dass der 25-jährige Geiger Friedrich Pacius (1809-1891), der in vielen deutschen Städten konzertiert und sechs Jahre erfolgreich in der Stockholmer Hofkapelle gespielt hatte, im Frühjahr 1834 darüber informiert wurde, dass die Kaiserliche Alexander-Universität von Helsinki, die erst ein paar Jahre zuvor aus Turku nach Helsinki verlegt worden war, auf der Suche nach einem neuen musikalischen Direktor war.

 Pacius hat sich sofort für diese Stellung interessiert.  Aber die Entscheidung soll dem jungen Pacius, der schon einen guten Ruf als geschickter Musiker genoss, nicht einfach gefallen sein. Der Unterschied zwischen dem kulturellen Leben in der sehr aktiven Hauptstadt von Schweden und in der winzigen, unbekannten und zweifellos kulturell noch nicht sonderlich entwickelten Stadt Helsinki war riesig.

 Pacius hatte dessen ungeachtet der Ernennung zum Musikdirektor zugestimmt. Die Ernennung wurde dann auch sehr schnell von dem damaligen Kanzler der Universität, dem Erben der russischen Krone, dem späteren Zaren Nikolaus I, ausgesprochen.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Helsinki ein kleines Städtchen mit rund 8000 Einwohnern und mit einem kaum vorhandenen musikalischen Leben. Pacius begann seine Arbeit mit großer Begeisterung mit einem kleinen bescheidenen Studentenorchester, das aus höchstens 15 Mitglieder bestand.

Im Februar 1835 herrschte in Finnland eine Zeit des großen Umbruchs, der Entstehung eines nationalen Bewusstseins: die Sammlung der volkstümlichen Gedichte war mit der Gründung der Gesellschaft der finnischen Literatur im Jahre 1831 noch in den Anfängen. Elias Lönnrot, der Schöpfer der finnischen epischen Volksdichtung Kalevala, vollendete sein Meisterwerk  genau in der gleichen Woche, in der Pacius in Helsinki eintraf. Die Frage des Finnentums wurde zu einem wichtigen Thema in den Diskussionen unter der studentischen Jugend und bald wurde auch hier die revolutionäre "Marseillaise" in einer neuen europäische Art und Weise gesungen.

Aber das traditionelle akademische Musizieren im Rahmen der Universität war für Pacius nicht genug: er begann wieder zu komponieren, zuerst Chormusik für seine eigenen  Chöre.  Als Dirigent wurde er bald zu einer führenden Figur im Konzertleben von Helsinki , nachdem er mehrere große Chor- und Orchesterwerke (von Händel, Spohr, Mendelssohn, Graun etc.) zum ersten Mal in Finnland aufgeführt hatte.

Da Friedrich Pacius fast im gleichen Alter war wie viele seiner Studenten, konnte er sich nicht dem Einfluss der stürmisch-revolutionären Bewegung des Jahres 1848 entziehen . Anlässlich des Flora-Festes im Mai hatte Pacius im Auftrag der Studenten ein neues, patriotisches Lied zum Text von Johann Ludvig Runeberg  in nur zwei Tagen komponiert – weil nicht mehr Zeit zur Verfügung stand: während des ersten Tages komponierte er die Melodie, am zweiten Tag studierte er das Lied mit seinem Chor ein.

So wurde Vårt land (Unser Land), die spätere finnische Nationalhymne, ganz durch Zufall geboren, denn der Komponist hatte eigentlich gar nicht vorgehabt, eine Nationalhymne zu komponieren. Pacius wollte nur ein einfaches Frühlingslied unter vielen anderen leichten Liedern für die Flora-Feier der Studenten komponieren.  Auf einer Wiese nahe Helsinki, unter dem blauen Himmel, wurde Vårt land (Unser Land) zum ersten Mal gesungen – und der Komponist gefeiert.

Aber dann ist etwas Merkwürdiges passiert. Diese Melodie mit dem Text von Runeberg, dem späteren Nationaldichter Finnlands, wurde einige Jahrzehnte später in die Position der finnischen Nationalhymne erhoben, obwohl der Weg in vieler Hinsicht lang und steinig war: der schwedischsprachige Text mit der Musik von einem in Deutschland geborenen Komponisten und noch dazu die umstrittene Melodie, die ziemlich viel mit einem deutschen, rhythmisch einer Mazurka ähnelnden Trinklied (sog. Papstlied) Ähnlichkeit hatte - all dies war zu diesem Zeitpunkt nur schwer mit den Idealen der Verfechter des Finnentums, den sog. Fennomanen, vereinbar.  Vårt land benötigte tatsächlich fast 100 Jahre, um als die Nationalhymne aller Finnen akzeptiert zu werden.

Es ist fast komisch, dass noch heute, 162 Jahre nach der Geburt der Melodie,  jedes Jahr öffentlich in der Presse darüber diskutiert wird, ob es nicht eine bessere, wirklich finnische Alternative für die finnische Nationalhymne gibt – wie zum Beispiel die Finlandiahymne  von Jean Sibelius.  Aber niemand weiß, wie man es anstellen sollte, die heutige Nationalhymne durch eine andere zu ersetzen.

Während der 1830–50er Jahrzehnte komponierte Pacius sehr aktiv unzählige Solo- und Chorlieder. Diese Chorwerke erlebten insbesondere in den akademischen Kreisen mit einem finnisch-patriotischen Biedermeier-Klima eine starke Nachfrage. Wir werden hier einige schöne Beispiele aus dieser Kompositionsgruppe hören:

Frühlingsglaube

À la Mélancolie

Minun kultain kaunis on

Suomen laulu

Für alle diese Kompositionen erhielt Pacius viel Anerkennung und soziales Prestige: Jeder Bürger der Stadt kannte ihn und seine Musik.

Als im Jahre 1852 Pacius seine erste große Oper, Kung Karls Jakt (König Karls Jagd) zum Libretto von Zacharias Topelius vollendet hatte und sie erfolgreich aufgeführt worden war, wurde Pacius sogar zum angesehenen Nationalhelden. Mit seiner Musik im romantischen Stil wurde er nicht nur in Finnland beliebt, sondern auch in Schweden, wo die Oper mit großem Erfolg mehrmals aufgeführt wurde.

Pacius wollte seine Oper auch in seiner alten Heimat Hamburg aufführen lassen, aber das Hamburgische Opernhaus hatte ihm eine abschlägige Antwort gegeben, weil das Thema und der Handlungsverlauf dem damaligen Operndirektor nicht gefallen haben – die Musik war allerdings "voll romantischer Schönheit und von höchster musikalischer Qualität", wie viele Kritiker geschrieben haben.

Zwei weitere Opern von Pacius, Prinsessan av Cypern  (Die Prinzessin von Zypern) (1860) und Die Loreley (1887), zeigen uns, dass Pacius in erster Linie ein Musik-Dramatiker sein wollte.  Die Prinzessin von Zypern ist eine verwirrende Mischung aus altgriechischer Mythologie und Kalevala-basierten Abenteuern, bestehend aus einigen Arien, die später als Solostücke in Konzertsälen außerordentlich beliebt wurden, sowie aus Chorstimmen und schönem Orchestersatz.

Seine Loreley -Oper, die er  zu einem deutschsprachigen Libretto von Emanuel Geibel  im spätromantischen Stil und mit vielen Wagner-Eindrücken komponierte, erzählt  von Leonore, der Königin des Rheins, und ihren Rivalen. Pacius versuchte, auch diese Oper in seiner Heimat Deutschland und in Österreich aufzuführen. Leider jedoch ohne Erfolg, denn dasselbe Libretto war schon von Felix Mendelssohn, Max Bruch und Ignaz Lachner vertont worden.

Heutzutage ist die Musik von Pacius leider nur wenig bekannt. Nur die Nationalhymne und einige Chorwerke werden regelmäßig aufgeführt – aber seine großen Meisterwerke, wie das ausgezeichnete Violinkonzert,  die musikalisch geschickte Sinfonie und seine drei Opern hört man nur allzu selten.

Trotz dieser Misserfolge auf europäischer Ebene stieg die Hochachtung vor Pacius in Finnland immer mehr. Um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert erhielt er die ehrenvolle Ernennung zum „Vater der finnischen Musik“.

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Aktualisiert 28.01.2010

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