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Ministerium für auswärtige Angelegenheiten

Botschafter René Nyberg: Grußwort auf der Lesung & Diskussion "Henry Parland – Zerbrochen" - Botschaft von Finnland, Berlin : Aktuelles

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Reden, 18.12.2007

Botschafter René Nyberg: Grußwort auf der Lesung & Diskussion "Henry Parland – Zerbrochen"

Lesung & Diskussion: Henry Parland -"Zerbrochen" Felleshus, 12.12.2007 René Nyberg, Botschafter von Finnland

Als ich mich in die Geschichte der St. Petersburger-finnischen Familie von Henry Parland vertiefte, erinnerte ich mich an eine gewisse Miss Henley, die aus St. Petersburg nach Helsinki gekommen war und die mit ihrer Schwester im Haus neben uns in den 1950er Jahren in Helsinki wohnte. Miss Henley erteilte meinen Eltern Englischunterricht und auch ich musste als zehnjähriger zu meinem groβen Verdruss Englischstunden bei dieser alten Frau nehmen. Zu Hause und auf der Straβe sprachen wir Finnisch und Schwedisch, auβerdem besuchte ich die Deutsche Schule, weshalb ich als kleiner Junge wenig Lust auf Englisch hatte.

Einige Häuser weiter wohnte - ohne dass meine Eltern und wir Kinder es wussten - bis zu ihrem Lebensende "Freilina" - wie ihr Titel auf Russisch lautete - Anna Wyrubowa, die Hofdame der letzten Kaiserin Alexandra von Russland. Anna Wyrubowa wurde auf dem orthodoxen Friedhof von Helsinki beerdigt, wo auch Agathon Fabergé - der Sohn des berühmten Hofjuweliers Carl Fabergé - seine letzte Ruhestätte fand.

Henry Parland wurde im Jahre 1908 in Wiborg - die bis zum Zweiten Weltkrieg neben Helsinki kosmopolitischste Stadt Finnlands - geboren. In Wiborg wurde damals vier Sprachen gesprochen: Finnisch, Schwedisch, Deutsch und Russisch. Henry Parlands Vater, der Ingenieur Oswald Parland, arbeitete für die russische Eisenbahn und die Familie wohnte in St. Petersburg und in verschiedenen Teilen Russlands.

Die Geschichte der Familie Parland ist typisch für viele Familien im russischen Zarenreich. Der britische Vorfahre Parlands zog nach St. Petersburg in den Dienst von Zarin Katarina II. Der Groβvater Henry Parlands wurde finnländischer Untertan seiner kaiserlichen Majestät. In der kosmopolitischen Welt des alten Russlands und insbesondere St. Petersburgs wurden mehrere Sprachen gesprochen. Bei Parland zu Hause wurde Deutsch, Russisch und Finnisch gesprochen, was insbesondere für Wiborg typisch war. Schwedisch lernte Parland erst richtig, als er die schwedischsprachige Schule besuchte. Deutsch war die Verwaltungssprache der von Peter dem Groβen im Jahre 1721 von Schweden eroberten Stadt Wiborg und der sog. „Finnländischen Provinzen”, bis diese im Jahre 1811 wieder mit Finnland vereint und Teil des autonomen Groβfürstentums Finnland wurden.

Dennoch schreibt sogar die Frankfurter Allgemeine Zeitung den Namen der Stadt heute meistens in der russischen Schreibweise "Wyborg", obwohl die Zeitung nie vergisst, den historischen deutschsprachigen Namen von baltischen und russischen Städten anzugeben.

Die Geschichte Henry Parlands erinnert an die von Edith Södergran, einer in St. Petersburg aufgewachsenen finnlandschwedischen Dichterin, die ebenfalls früh verstarb. Auch ihre Unterrichtssprache in der Schule war Deutsch, aber sie schrieb ihre unvergesslichen Gedichte auf Schwedisch.

Es ist mir eine ganz besondere Freude, den Bruder Henry Parlands, Herrn Professor Herman Parland, und seine Tochter, Frau Andersson, heute Abend hier in Berlin herzlich willkommen heiβen zu können. Professor Parland wird uns später Einblicke in die versunkene Welt St. Petersburgs, Wiborgs und Kareliens geben. Diese kosmopolitische Ecke Finnlands hat die Literatur und Kunst unseres Landes in hohem Maβe bereichert. Die Familie Parland hat mit drei schreibenden Brüdern zur Kultur Finnlands beigetragen, auβer mit Henry nämlich auch mit Ralf und Oscar Parland. Oscar Parland hat seine Zeit zwischen Wissenschaft, Kunst und Literatur aufgeteilt. Ich persönlich hatte die Freude, mit dem Neffen Professor Parlands, Dr. Thomas Parland, zusammenzuarbeiten. Dr. Parland gehörte zu den besten Russlandexperten des finnischen Auβenministeriums.

Henry Parlands Bruder Oscar Parland, der auch Schriftsteller war, sagte über sich, er sei Engländer, geboren in Russland mit Deutsch als Muttersprache, er habe eine schwedischsprachige Schule besucht, sei aber finnischer Staatsbürger.

Finnland ist ein zweisprachiges Land und die schwedische Sprache und Kultur sind ein untrennbarer Teil Finnlands. So sind auch beispielsweise die Gebrüder Parland und Edith Södergran finnische Schriftsteller, auch wenn sie ihre Werke in schwedischer Sprache schrieben.

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Aktualisiert 18.12.2007


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