Direkt zum Inhalt
Ministerium für auswärtige Angelegenheiten

100 Jahre Parlament und Frauenwahlrecht in Finnland - Botschaft von Finnland, Berlin : Aktuelles

BOTSCHAFT VON FINNLAND, Berlin

Botschaft von Finnland
Rauchstraße 1, 10787 Berlin
Tel. +49-30-50 50 30
E-Mail: info.berlin@formin.fi
Deutsch | Suomi | Svenska |  |  |  | 
Normale SchriftGrößere Schrift
 
Nachrichten, 06.04.2006 | Botschaft von Finnland, Berlin

100 Jahre Parlament und Frauenwahlrecht in Finnland

Finnlands Parlament begeht in den Jahren 2006-2007 gleich ein zweifaches hundertjähriges Jubiläum: 1906 wurde das allgemeine und gleiche Wahlrecht eingeführt, und 1907 fanden die ersten Wahlen für das neue Einkammerparlament statt.

Vom Ständelandtag zum Wahlrecht für jedermann

Vorgänger des nunmehr hundertjährigen Parlaments war der Ständelandtag, für den lediglich die Männer der obersten Stände aktives und passives Wahlrecht besaßen. Finnland war seit 1809 autonomes Großfürstentum im russischen Zarenreich, und in der Zeit unterstand der nur unregelmäßig zusammentretende Landtag der Macht des Zaren.

Die innenpolitischen Unruhen in Russland und der in der Folge im Oktober-November 1905 in Finnland ausgerufene Generalstreik schufen eine günstige Atmosphäre auch für die Reform des Landtages. Der Zar reagierte auf die Aktivitäten mit einem Manifest, in dem er Finnland ein Parlament auf der Grundlage des allgemeinen und gleichen Wahlrechts versprach und diesem das Recht einräumte, die Maßnahmen der Landesregierung auf ihre Legalität zu prüfen.

Erstes demokratisches Parlament in Europa

Nachdem das Manifest verkündet war, wurde zügig mit der Vorbereitung der Parlamentsreform begonnen. Am 1. Juni 1906 trat der Ständelandtag zusammen, um die Reform zu verabschieden, und für das Frühjahr 1907 wurden die ersten Wahlen angesetzt, an denen alle Bürger teilnehmen durften. Die Zahl der Stimmberechtigten verzehnfachte sich, als alle finnischen Staatsbürger, die das 24. Lebensjahr vollendet hatten, unabhängig von Geschlecht, Stand, Vermögen oder Stellung an die Wahlurne treten durften.

Die Reform bedeutete auch eine Umwälzung in der Parteienlandschaft. Bei den Parteien handelte es sich zu der Zeit in erster Linie um Meinungsforen und Diskussionsgruppen, die sich im Zuge der Parlamentsreform formierten, um politische Macht auszuüben. Außerdem wurden viele neue Parteien gegründet.

Die Frauen, die jetzt in Finnland und in ganz Europa zum ersten Mal wählen durften, sollten mit speziellen „Gewissensfragen“ geangelt werden. Vor allem die weiblichen Kandidaten – für die ersten Wahlen 1907 waren übrigens 62 Frauen als Kandidaten aufgestellt worden – versuchten, die Wähler mit Themen wachzurütteln, die mit Volkskirche, Sittlichkeit, Prohibitionsgesetz und mit der Stellung der Frauen in der Gesellschaft in Zusammenhang standen.

Die Wahlbeteiligung lag im Frühjahr 1907 bei 70,7 %, was ein recht gutes Ergebnis war. Begründet werden kann die Aktivität der Wähler damit, dass die Finnen schon damals in relativ hohem Maße des Lesens kundig waren und dass seit Ende des 19. Jahrhunderts die Bewegung der nationalen Erweckung stärker geworden war und auch zur Gründung ideologischer und politischer Organisationen geführt hatte.

Als Sieger gingen aus den Wahlen die Partei der Sozialdemokraten mit 80 Sitzen und die Partei der Altfinnen mit 59 Sitzen hervor. Auch die Frauen dürfen als Sieger der Wahlen von 1907 betrachtet werden: Als das neue Parlament am 25.5.1907 zu seiner Eröffnungssitzung zusammentrat, waren unter den insgesamt 200 Abgeordneten 19 Frauen. Diese Zahl wurde in den folgenden zwei Jahrzehnten wiederholt nicht mehr erreicht.

Das erste Parlament sollte nur ein knappes Jahr der auf drei Jahre festgelegten Sitzungsperiode überdauern. Politische Unruhen sowie das Recht des Zaren, das Parlament aufzulösen, sorgten dafür, dass vor der Erlangung der finnischen Unabhängigkeit im Jahre 1917 beinahe jährlich Neuwahlen durchgeführt wurden.

Parlament verwirklicht das finnische Demokratie-Ideal

Zwar gab es im Laufe der vergangenen hundert Jahre Änderungen in den Aufgaben der Organe der Staatsgewalt und in den Machtverhältnissen zwischen ihnen, aber das 1906 eingeführte System der Volksvertretung hat sich als lebensfähig erwiesen. Finnland, das ehemalige autonome Großfürstentum im russischen Zarenreich, hat zwei Weltkriege und die Zeit des Kalten Krieges überstanden und ist jetzt Mitglied der Europäischen Union. Die Macht liegt weiterhin beim Volk, das durch seine Abgeordneten in den Sitzungen des Parlaments vertreten wird. Hauptaufgabe des finnischen Parlaments ist die Gesetzgebung, aber das Parlament beschließt unter anderem auch den jährlichen Staatshaushalt und verabschiedet internationale Abkommen.

Wahlberechtigt sind bei den im Zyklus von vier Jahren stattfindenden Parlamentswahlen alle finnischen Staatsbürger, die spätestens am Wahltag das 18. Lebensjahr vollendet haben. Die Abgeordneten werden in 15 Wahlkreisen des Landes im Verhältnis zur Einwohnerzahl des jeweiligen Wahlkreises gewählt. Im Schnitt vertritt ein Parlamentsabgeordneter ungefähr 26 000 Finnen.

Bei den letzten Parlamentswahlen im Jahre 2003 lag die Wahlbeteiligung bei 69,7 %. Die Frauen stellen die Mehrheit der Stimmberechtigten und auch derjenigen, die ihr Stimmrecht ausüben, zuletzt 71,6 %. Das derzeitige Parlament hat 75 weibliche Abgeordnete – und damit 2 weniger als 1991, dem „Spitzenjahr der Frauen“. Die nächste Möglichkeit zur Wahl ihrer Abgeordneten haben die Finnen im Frühjahr 2007.


Mehr über die Geschichte des finnischen Parlamentes (in Englisch):

Finnisches Parlament

Geschichte des finnischen Parlaments

Finnisches Parlament 100 Jahre

Finnisches Wahlsystem

Seite drucken

Aktualisiert 06.04.2006


© Botschaft von Finnland, Berlin | Impressum | Kontakt