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Ministerium für auswärtige Angelegenheiten

Frage: Gehört Finnland zu Skandinavien? - Botschaft von Finnland, Berlin : Aktuelles

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Nachrichten, 07.06.2005

Frage: Gehört Finnland zu Skandinavien?

Die fünf nordischen Länder, vor allem ihre Kultur, werden in der übrigen Welt häufig unter dem Sammelbegriff "skandinavisch" zusammengefaßt. Wie kommt das und ist dies richtig?

Auch in Deutschland hat es sich inzwischen eingebürgert, skandinavisch als Synonym für das zu benutzen, was die Finnen selbst meist nordisch (pohjoismainen, nordisk) nennen. Dies ist auch in anderen Sprachen wie dem Englischen üblich, wahrscheinlich weil der Norden als Himmelsrichtung von Amerika oder Großbritannien aus gesehen auf eine ganz andere geographische Region hinweist.

Genaugenommen ist Finnland, genau wie Island, ein nordisches Land, während für die drei anderen nordischen Länder, Schweden, Norwegen und Dänemark, die engere Bezeichnung Skandinavien existiert. Alle fünf Staaten sind heute Mitglieder des Nordisches Rates und haben in Berlin im Komplex der Nordischen Botschaften ihre diplomatische Vertretung eingerichtet.

Wie ist diese synonyme Verwendung von skandinavisch und nordisch zu erklären? Das Wort Skandinavien weist ursprünglich auf "Skania" (Skåne, Schonen), den südlichsten Zipfel Schwedens, hin. Hieraus ist der geographische Begriff der Skandinavischen Halbinsel abgeleitet worden, der ganz Schweden und Norwegen umfaßt. Ein finnischer Geologe, Wilhelm Ramsay, hat um 1900 eine weitere geographischen Bezeichnung "Fennoskandia" eingeführt, die laut seiner Definition die Skandinavische Halbinsel (also ohne Dänemark), Finnland, Russisch-Karelien und die Kola-Halbinsel umfaßte.

Im 19. Jh. kam in Schweden, Norwegen und Dänemark der Skandinavismus auf, eine Bewegung, die auf der Grundlage der engen Verwandtschaft ihrer germanischen Sprachen sowie weiterer kultureller und historischer Gemeinsamkeiten ein nationales Gemeinschaftsbewußtsein entwickeln wollte. Heute spricht man von den skandinavischen Sprachen und einer skandinavischen Literatur, das Finnische und die finnischsprachige Literatur zählen nicht dazu. Im Deutschen wie im Englischen ist z.B. skandinavisches Design aber zu einem festen Begriff auch für finnisches Design geworden.

Auch von Deutschland aus richtete man im 19. Jh. den Blick nach Norden und berief sich ebenfalls auf die Verwandtschaft der germanischen Sprachen und Völker. Der Norden wurde als Sehnsuchtsort idealisiert, er wurde zum Mythos. Man bewunderte die unverdorbene Natur und die dort mit ihr im Einklang lebenden Menschen. Für viele gehörte bald auch Finnland dazu. Als Finnland 1917 selbständig geworden war, bürgerte es sich in Deutschland ein, Finnland unter die nordischen Staaten einzureihen. Mit der Zeit bekam der nordische Gedanke in Deutschland eine rassistische Ausrichtung , die zwar heute keinerlei Rolle mehr spielt, aber dem Adjektiv nordisch vielleicht immer noch ein wenig als Makel anhaftet.

Da das Finnische wie das Estnische einer völlig anderen, der finno-ugrischen Sprachenfamilie angehört, konnte auf diesem Wege keine direkte Zugehörigkeit zu den drei skandinavischen Ländern hergestellt werden. Dies geschah auf andere Weise, über die kulturellen und sozialen Verbindungen. Dadurch, daß Finnland immerhin über 600 Jahre vom 12. Jh. bis 1809 zu Schweden gehört hat, haben sich Grundlagen der Rechtsauffassung, der Verwaltung und gesellschaftlicher Strukturen aus dieser Zeit in Finnland erhalten. Schwedisch ist auch heute noch die zweite Landessprache, knapp 6 % der Bevölkerung haben Schwedisch als Muttersprache. Nicht zu vergessen, daß im 16. Jh. alle nordischen Länder den protestantischen Glauben eingeführt haben, und dieser trotz Verweltlichung eine gemeinsame Basis ethischer Grundsätze und Verhaltensweisen bildet. In der Außenpolitik des seit 1917 selbständigen Finnland spielte Anfang der dreißiger Jahre die nordische Orientierung eine wichtige Rolle. Später in der Ära des Kalten Krieges war die nordische Zusammenarbeit Finnlands Brücke zum Westen. Im Arbeitsrecht, im Bildungs- und Sozialwesen gibt es weitere Gemeinsamkeiten aus jüngerer Zeit. Die wirtschaftliche Verflechtung untereinander ist sogar gewachsen. Schon seit 1955 herrscht völlige Freizügigkeit zwischen den nordischen Ländern, auch wenn sie politisch, militärisch und wirtschaftlich durchaus unterschiedliche Wege gegangen haben sind und gehen.

Prof. Dr. Hannes Saarinen
Universität Helsinki

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Aktualisiert 17.06.2005


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