
Wie kann musikalisches Lernen und Lehren organisiert und strukturiert werden? Welchen Raum nimmt die Musikerziehung an Schulen in Deutschland und Finnland ein? Wie werden spätere Musiklehrer/innen im Studium auf die Schulrealität vorbereitet?
Diese und andere Fragen standen im Mittelpunkt eines Podiumsgespräches am Finnland-Institut zum Thema Musikarbeit an Schulen – Selbstverständlichkeit oder Herausforderung zwischen Studierenden und Dozent/inn/en der Universität Potsdam/Institut für Musik und Musikpädagogik und der Sibelius-Akademie, Helsinki.
Die Gesprächsrunde mit Abschlusskonzert stand am Ende einer deutsch-finnischen Begegnung unter dem Thema Musikalisches Lernen in Theorie und Praxis – finnisch-deutsche Dialoge in der Musik mit Workshops, Vorträgen, Gesprächen und Konzerten. Der Programmbogen dieser vom Potsdamer Institut für Musik und Musikpädagogik und der Sibelius-Akademie/Abteilung Musikerziehung gemeinsam mit dem Finnland-Institut in Deutschland veranstalteten Reihe spannte sich dabei von Workshops zum Komponieren und zu improvisatorischen Klavieradaptionen über Dozentengespräche u.a. zum musikalischen Lernen im Kleinkindalter oder zur Liedgestaltung im Musikunterricht bis hin zu Präsentationsteilen.
Nach diesem umfassenden Wochenprogramm im Campus Potsdam-Golm referierten in der von Prof. Dr. Birgit Jank geleiteten öffentlichen Gesprächsrunde zum Abschluss am Finnland-Institut die finnischen Studierenden Hanna Mauro, Kati Nieminen, Lauri Schreck, Tuomas Sidoroff, Maiju Suvanto und Jenni Vuorentausta über ihre Ausbildung an der Sibelius-Akademie. Ihre Dozentin Riitta Tikkanen stellte Gedanken und Erfahrungen zur Musikarbeit an Schulen in Finnland und zur dortigen Musiklehrerausbildung vor. Von deutscher Seite nahm Prof. Dr. Birgit Jank Stellung zu den Bildungsstandards in der Musik in Deutschland; die Musikwissenschaftlerin Heike-Doreen Klein aus Potsdam schließlich stellte Ergebnisse ihrer Dissertation "Ästhetisch-musikalische Profilbildung an Schulen im Land Brandenburg" vor.
Während man in Deutschland seine Schullaufbahn mit einem Minimum an Musikunterricht durchlaufen kann, sind in Finnland Musik- und Kunsterziehung im Lehrplan aller Schulen gesetzlich und tatsächlich verankert – in Deutschland muss der Schüler sich oft schon in frühen Jahren für eines von beiden Fächern entscheiden. Dass musikalisch-künstlerische Fächer positiven Einfluss auf die Lernfähigkeit allgemein haben und auch unter sozialen Gesichtspunkten sehr wirksam sein können, ist an den finnischen "Dreivierteltags-Schulen", deren Angebot sich für Schüler, Lehrer und im optimalen Fall auch Eltern weit in den Nachmittag spannt, vielleicht für alle Beteiligten offenkundiger als in Deutschland, wo der Musikunterricht an Schulen zumeist keine zentrale Rolle spielt, wenn nicht gar als sekundär betrachtet wird. Wie denn auch – wo doch im bundesdeutschen Durchschnitt mehr als drei Viertel aller Musiklehrer keine Fachlehrer sind. Dabei sind die Absichten auch in Deutschland die besten, finden ihren Niederschlag jedoch kaum in der Realität, weder in der Einstellungspolitik der Schulen noch in der Ausstattung von Musikräumen.
Im Musikstudium ist in Finnland das Beherrschen dreier Instrumente Pflicht, darunter das finnische "Nationalinstrument" Kantele (eine Zither). In Finnland genießen alle Musiklehrer die gleiche, relativ praxisnahe Ausbildung. Das deutsche System hingegen setzt auf die Gliedrigkeit des Lehramtsstudiums – unterschiedliche Studienordnungen für Grund- und Hauptschul-, Realschul- und Gymnasiallehrer – und deutsche Studierende gehen oft mit zu wenig praktischer Erfahrung in den Lehrerberuf.
Um für das Unterrichtsfach Musik bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen, genügt es nicht, dass die musikpädagogische Forschung in Deutschland durchaus sehr rege ist und der Deutsche Musikrat demnächst Grundthesen zu neuen Bildungsstandards im Musikunterricht verabschieden will. Hierzu bedarf es engagierter Schulleitungen, selbstbewusster, didaktisch geschulter Musik-Fachlehrer, einer Vernetzung der vorhandenen Musikangebote und einer Einbindung der Eltern – desto mehr, wenn diese aus einem bildungsfernen Bereich kommen.
Marion Holtkamp
Finnland-Institut in Deutschland
Weitere Informationen:
Universität Potsdam
Institut für Musik und Musikpädagogik
Tel. (0331) 977 21 22 (Sekretariat)
Prof. Dr. Birgit Jank
Tel. (0331) 977 2134
bjank@rz.uni-potsdam.de
Sibelius-Akatemia (Sibelius-Akademie), Helsinki
Musiikkikasvatuksen osasto (Abteilung Musikerziehung)
Prof. Soili Perkiö, Tel. +358-20-753 95 18
soili.perkio@siba.fi
Dozentin Riitta Tikkanen, Tel. +358-20-753 97 28
riitta.tikkanen@siba.fi
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