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Ministerium für auswärtige Angelegenheiten

Frauen und Familienpolitik in Finnland - Botschaft von Finnland, Berlin : Aktuelles

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Nachrichten, 08.03.2004

Frauen und Familienpolitik in Finnland

Einer der zentralen Bereiche der finnischen Familien- und Gleichstellungspolitik ist seit langem die Vereinbarkeit von Arbeit und Familienleben. Dies ist in der sehr langen und starken Tradition der Präsenz finnischer Frauen

auf dem Arbeitsmarkt begründet. Die meisten finnischen Frauen gehen nämlich nicht nur einer Arbeit außer Haus nach, sie tun dies auch als Vollzeitbeschäftigung.

Die rasche Ausweitung der Arbeit von Frauen in den 60er Jahren hat sich in Symbiose mit der Entwicklung des finnischen Wohlfahrtsstaates vollzogen, wodurch sich den Frauen neue Stellen auf dem Arbeitsmarkt auftaten. Es war die Politik des finnischen Wohlfahrtsstaates, Systeme der öffentlichen Bildung, der Gesundheitsfürsorge und der Kindertagesstätten aufzubauen. Diese öffentlichen Einrichtungen garantieren allen ortsansässigen Bürgern freien oder kostengünstigen Zugang zu Bildungsmöglichkeiten, Gesundheitsfürsorge und Tagesbetreuung. Aus historischen Gründen ist die Berufstätigkeit von Frauen in Finnland schon lange als ihr selbstverständliches Recht angesehen worden. Daher sind die politischen Entscheidungen über die Entwicklung der öffentlichen Tagesstätten und andere Maßnahmen zur Anpassung von Arbeit und Familie stets davon ausgegangen, daß das öffentliche Tagesstättenwesen organisiert werden mußte, eben weil die Frauen bereits auf dem Arbeitsmarkt waren.

Heutzutage haben wir ein umfassendes System mit 105 Tagen Schwangerschaftsurlaub für Mütter, 6-18 freien Tagen für Väter und 158 Tagen Erziehungsurlaub, die entweder von der Mutter oder vom Vater in Anspruch genommen werden können. Während dieser Zeit erhält der beurlaubte Elternteil eine Unterstützung, die durchschnittlich bei 66 % seines/ihres Einkommens liegt. Wir haben ein System kommunaler Tagesstätten, das seit 1996 für alle Kinder bis zu ihrer Einschulung (in Finnland im Alter von 7 Jahren) einen Tagesstättenplatz sicherstellt. Die Eltern haben auch Anspruch auf einen Kinderbetreuungsurlaub, die Möglichkeit, zur Erziehung eines Kindes zu Hause zu bleiben, bis es 3 Jahre alt wird. Für die Dauer dieses Urlaubs wird das Beschäftigungsverhältnis des Elternteils abgesichert und der Kinderbetreuungsurlaub finanziell durch einen Zuschuß für die häusliche Betreuung unterstützt. Die Zuwendung kann auch dafür verwendet werden, die Kinderbetreuung privat zu organisieren. Die Eltern von Kleinkindern haben auch die Möglichkeit, ihre Arbeitsstunden bis zum Ende des ersten Schuljahres des Kindes zu reduzieren. Beide Eltern haben das Recht, vier Tage zu Hause zu bleiben, um ein krankes Kind unter 10 Jahren zu versorgen. Für diese Tage sieht das Gesetz keine Lohnfortzahlungen vor, dafür tun dies jedoch viele Tarifverträge.

Dies alles bedeutet, daß das meiste, was in Finnland für die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie getan worden ist, im Bereich der Familienpolitik stattgefunden und sich auf jene Phase im Leben der Familie konzentriert hat, in der die Kinder noch klein sind. Das Grundproblem war es, die Tagesbetreuung zu organisieren und eine Familienpolitik zu schaffen, durch die die Möglichkeiten einer Frau zur Teilnahme am Arbeitsmarkt abgesichert sind.

Diese Akzentsetzung hat auf dem Gebiet der Gleichstellung Folgen zum Besseren wie zum Schlechteren nach sich gezogen. Wir haben tatsächlich eine der höchsten Frauenbeschäftigungsquoten der Welt. Aber Frauen tragen auch die größere Verantwortung für die Kinder, und sie waren bisher auch die Hauptnutzer des gesetzlichen Erziehungsurlaubs. Männer haben dieses Recht nur in einem geringeren Maße genutzt.

So ist es zum Beispiel in Finnland schon seit vielen Jahren Eltern möglich, den elterlichen Erziehungsurlaub zwischen der Mutter und dem Vater aufzuteilen. Trotzdem nutzen nur ungefähr 3 Prozent der Väter diese Möglichkeit und nehmen einen längeren Erziehungsurlaub, der über die zwei Wochen nach der Geburt des Kindes hinausreicht.
Ferner verbringen Väter viel weniger Zeit mit ihren Kindern als die Mütter. Ungefähr ein Drittel der gesamten Zeit, die Eltern mit ihren jungen Kindern verbringen, wird vom Vater aufgebracht. Erst wenn die Kinder schon über zehn Jahre alt sind, beginnt der Anteil des Vaters, sich einem Niveau von 50 Prozent an der Gesamtzeit zu nähern. Während der Zeit, in der die Kinderbetreuung am zeitaufwendigsten und arbeitsintensivsten ist, leisten die Mütter die meiste Arbeit.

Andererseits wurzelt die Ausweitung der Frage der Vereinbarkeit von Arbeit und Familie vom Bereich der Kinderfürsorge auf den Bereich der Gleich- stellung auch in der Diskussion über die Rolle des Mannes als Vater, einer Diskussion, die sowohl in den nordischen als auch in anderen europäischen Ländern immer häufiger geführt wird. Immer mehr junge Väter wollen eine starke Bindung zu ihren Kindern aufbauen. Das ist nur möglich, wenn sie möglichst viel Zeit mit ihren Kindern verbringen. Väter müssen eine unabhängige, direkte Verantwortung für die Betreuung ihrer Kinder sowohl im Babyalter als auch danach übernehmen. Eine starke Bindung zwischen den Vätern und ihren Kindern ist nicht nur für die Väter wichtig, sondern auch für die Kinder.

Minna Salmi
Dr.phil., Forschungsleiterin, Stakes
(Nationales Forschungs- und Entwicklungszentrum für Sozialwesen und Gesundheitspolitik)

Office of the Ombudsman for Equality

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Aktualisiert 10.03.2004


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