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Ministerium für auswärtige Angelegenheiten

Bildende Kunst in Finnland - Identität durch Bildkraft - Botschaft von Finnland, Berlin : Aktuelles

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Nachrichten, 03.09.2003

Bildende Kunst in Finnland - Identität durch Bildkraft

Was Erkki Salmenhaara für die finnische Musik festgestellt hat, gilt ebenso für die anderen Gattungen der Kunst, die Literatur und die bildende Kunst: „Der Geschichte der finnischen Kunst fehlen drei Fünftel, nämlich Renaissance, Barock und Klassik. Erst in der Romantik und dann besonders in der Nationalromantik wird die Kunst Finnlands in die internationale Polyphonie eingewoben.“

Schuld daran waren in erster Linie die geopolitischen Verhältnisse. Ein Land, dessen Bewohner ihre sehr alte vorhistorische Volkskultur für sechs Jahrhunderte verleugnen mußten, kann keine eigene Tradition herausbilden. Und so ist Finnlands Ikonographie, die Geschichte seiner Bilder und ihrer Urheber, bis ins 19. Jahrhundert hinein vor allem Spiegel der Überfremdung. Dann erst begannen die tastenden Versuche, die während der Periode des Karelianismus zu einer wahren Explosion künstlerischer Kräfte führten.

Die ersten Kunstgegenstände finden sich auf finnischem Boden vor mittlerweile 7.000 Jahren in der Gegend von Rovaniemi; die frühesten Siedler dürfen jedoch bereits um 9.300 vor der Zeitenwende angenommen werden. Steinzeitliche und bronzezeitliche Zeugnisse existieren zwar, doch ist eine eigenständige Kunst nicht ausgeprägt. Die Finnen scheinen in Wellen aus dem Osten und Süden eingewandert zu sein, wobei sie die einheimische Bevölkerung – vermutliche Vorfahren der heutigen Samen – immer weiter nach Norden verdrängten. Erst im Zuge der Zwangschristianisierung durch die Schweden, die der Papst gefordert hatte, wurde das Land als Handelsbrücke entdeckt. Das russische Fürstentum Nowgorod und die schwedische Krone teilten sich das Land; so entstanden im Osten (Karelien) und dem Südwesten sehr unterschiedliche Traditionen, die sich bis in den Alltag hinein auswirkten. Die älteste Steinkirche entstand auf den Ålandinseln, weitere folgten in Gebieten, die überhaupt Besiedlung aufwiesen. Die in Seccotechnik ausgemalten Kirchen (wobei die Farben mit Kalkwasser vermischt auf trockenen Putz aufgetragen werden) waren wie auch die Skulpturen Produkte ausländischer Handwerker. Prunkbauten waren in Finnland äußerst selten; der Adel, der beinahe ausnahmslos schwedisch war, schuf sich zwar Wohnsitze, diese mußten jedoch zumeist eher Verteidigungszwecke erfüllen. Das größte Schloß errichtete man in der Zeit des Herzog Juhana in Turku ca. 1560. Die alte Hauptstadt – sie sollte es bis 1812 bleiben – war denn auch der Mittelpunkt für Kunst und Kultur. 1640 wurde hier die älteste Universität gegründet; in der Folge wurde die Buchproduktion erforderlich. Die schwedische Großmachtposition schlug sich allmählich auch im Gebaren des Adels nieder, der nun nach Grabmonumenten und luxuriösen Dekorationen für die Wohnsitze verlangte. Typisch für die Barockzeit war die Entwicklung einer Porträtkunst, die Namen wie Jochim Neiman – einen Deutschen – oder Diedrich Möllertum – ein Däne – hervorbrachte. Der bestbezahlte aus Finnland stammende Künstler jener Periode war (nach Markku Valkonen: Finnlands Kunst im Blickfeld) Elias Brenner, der aus Isokyrö in Ostbottnien kam. Insgesamt jedoch gibt es nur wenige Zeugnisse großer Kunst; Finnland war und blieb ein Pufferstatus zwischen den Mächten Schweden und Russland vorbehalten. Erfolg konnte man nur in Schweden erringen, die Klassik des Hofes von Gustv III. ist in Finnland in einigen Ansätzen erkennbar. Mit bedeutenden Projekten wie dem Bau der Festung Suomenlinna – damals Sveaborg – oder herausragender Denkmäler wurden stets Künstler aus dem Kronland beauftragt; Namen wie Hårleman, Ehrensvärd oder Sergel sind untrennbar mit den repräsentativen Vorhaben verbunden.

Nach dem schwedisch-russischen Krieg und dem Verlust Finnlands an den Zaren eröffneten sich die ersten Chancen für die Ausprägung einer nationalen Kunst. Alexander I. garantierte auf dem Landtag in Porvoo 1809 weitgehende Autonomie und erklärte, Finnland sei nun in den Kreis der Nationen erhoben.

Die Planung der neuen Hauptstadt, des bis dahin recht provinziellen Helsinki, übertrug man allerdings noch einem Ausländer: dem deutschen Architekten Carl Ludwig Engel, dessen Pläne noch heute im Stadtbild nachzuvollziehen sind.

In der Malerei hatten es die Künstler aus dem finnisch-sprachigen Bereich bedeutend schwerer, die Grenzen ihrer Heimat zu überschreiten. Im Vorteil waren hier auf jeden Fall die Angehörigen der sozial besser gestellten Klassen, deren talentierte Künstler sich nicht nur Reisen ins Ausland leisten konnten, sondern deren Werke auch in Schweden und in anderen Ländern Beachtung bei der adligen und der bürgerlichen Welt fanden. Die volkstümlichen finnischen (Kirchen-)Maler sind namentlich fast alle unbekannt geblieben. Mit dem allgemeinen Aufschwung des künstlerischen und kulturellen Lebens machte im 19. Jh. auch die finnische Malerei einen großen Sprung nach vorn. Die drei malenden Brüder von Wright (Ferdinand, 1822-1906, Magnus, 1805-1868 und Wilhelm, 1810-1887), Autodidakten und Vertreter eines individuell geprägten Biedermeier-Stils, wurden zu Lieblingsmalern des finnischen Bürgertums, Berühmtheit erlangten auch Werner Holmberg (1830-60) und Albert Edelfelt (1854-905).
Valkonen hat die Anfänge einer eigenständigen finnischen Kunst nachgezeichnet:

„Zu Beginn des 19.Jh. hatten Künstler in Finnland nur geringes gesellschaft-liches Ansehen. Im Bevölkerungsregister erschien jedoch im Jahre 1830 eine Neuerung; die Statistik nahm die Rubrik »Artisten» auf. Sie rangierten vor den Dienstboten, aber nach Ärzten, Architekten und Feldscheren.

Absolventen einer Kunstakademie wurden natürlich höher bewertet als Leute, die durch eine Zunft als Maler oder Bildhauer ausgebildet waren. Im Jahre 1830 erhielt der Kunstunterricht eine neue, wenn auch sehr einfache Basis. In Turku hatte der Älteste der Malerzunft, Carl Gustaf Söderstrand, der Stadt mit Erfolg den Vorschlag gemacht, eine Zeichenschule zu gründen. Im Anfang gab es nur Landschaftszeichnen, später wurde eine Klasse für antike Kunst gegründet. Malerei wurde in den ersten Jahren nicht gelehrt. Wer sich dafür interessierte, mußte Privatunterricht nehmen.“

Der Traum von einer Organisation der Künstlerschaft erfüllte sich im Jahre 1846. In seiner Geschichte des Kunstvereins meint der Kunstgeschichtler Tikkanen, daß man in gebildeten Kreisen an Erfolge der Kunst in Finnland zu glauben begann, als Robert Wilhelm Ekman im Jahre 1845 von Stockholm nach Turku kam, um an der Zeichenschule zu lehren.

Wenngleich man im Lande mit Ekman oder dem englischstämmigen Clan von Wright sehr begabte Künstler hatte, eröffnete sich nach der skandinavischen Kunstausstellung in Stockholm 1850 eine neue, vielleicht entscheidende Chance: dort begegneten die Künstler den Produkten der Düsseldorfer Kunstakademie. Viele Finnen der nächsten Jahrzehnte ließen sich dort ausbilden, bevor eine neue Welle die Talente Finnlands an die Pariser Institute aufbrechen ließ. Der Umschwung in der Themenbehandlung ist aber zweifellos auf die Veröffentlichung des Kalevala zurück zu führen (1835); durch das Nationalepos und die erwachende Sehnsucht nach Selbstwert gewann die Malerei und Bildhauerei völlig neue Impulse. Ein Schlagwort machte die Runde: man sprach vom Fennomanismus und alle sollten ihren Teil dazu beitragen, das Wesen Finnlands und seiner Bewohner authentisch zu schildern.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann aber auch schon jene Tradition, die zu einer Verengung des Blickfeldes wurde: der Karelianismus. Die Finnen beklagten nun laut den Verlust des für die Stammregion gehaltenen Karelien, die Wälder und Ansiedlungen rund um den Ladogasee gewannen mystischen Charakter. Neben die Künstler treten vermehrt auch Künstlerinnen und es sind Frauen wie Fanny Churberg, Helene Schjerfbeck und Helena Westermarck, die die Regionalität in der Kunst Finnlands überwinden.

International aufmerksam auf die finnische bildende Kunst wurde man auf der Weltausstellung von Paris im Jahr 1900. Der von Akseli Gallen-Kallela (1865-1931) ausgestaltete Pavillon erregte viel Interesse. Gallen-Kallela, der zunächst mit seinem kräftigen realistischen Stil die Entwicklung der Malerei in Finnland maßgebend beeinflußte (ebenso wie sein Zeitgenosse Juho Rissanen ; 1873-1950), trat später vor allem als Illustrator des „Kalevala" in Erscheinung. Er gehört zu den wichtigsten europäischen Jugendstil-Malern.
Bilder von phantastischer Tiefe und farbig-inhaltsreicher Skurrilität hat Gallens Schüler Hugo Simberg (1873-1917) geschaffen, der die ihm zustehende Stellung in der europäischen Kunstgeschichte noch immer nicht eingenommen hat. Um die Jahrhundertwende wurde Paris für die finnischen Künstler der Umschlagplatz von Ideen und das fruchtbare Feld ihrer Inspirationen. So blieb nicht, aus, daß die neuen Stilrichtungen von dort auch nach Finnland importiert wurden. Magnus Enckell (1870-1925) und Tykö Sallinen (1879-1955) sind wichtige Vertreter des Expressionismus, deren Werke für die weitere Entwicklung der finnischen Kunst bis heute von großer Bedeutung sind.

Nach dem 2. Weltkrieg begannen sich auch viele finnischen Künstler - zumindest zeitweise - der abstrakten Malerei zuzuwenden (Sam Vanni, Per Stenius, Anitra Lucander). Der Informalismus überwog für eine längere Periode, wurde dann jedoch von den unterschiedlichsten Bestrebungen abgelöst, die den heutigen weltweiten stilistischen Pluralismus konform laufen. Führend sind finnische Künstler der Gegenwart vor allem auf dem Gebiet der Fotografie und der Experimentalkunst, die vom Einsatz der neuen Medien der Informationsgesellschaft ausgeht.

Zum Schluß dieser sehr gerafften Übersicht die „Naiven“: Reidar Särestöniemi, der mit seiner naturalistischen Darstellung das Leben der Saamen darzustellen versucht hat und Lea Kauppi aus Tornio, die ebenfalls zu den finnischen Künstlern gehört, die sich nach dem Krieg auch international einen Namen gemacht haben.

Summarisch und nur am Rande muß auf die Architektur verwiesen werden: dort haben Personen wie Eliel und Eero Saarinen, vor allem aber Alvar Aalto einen pragmatisch-rationalistischen Stil geprägt, der Materialien und Umwelt in eine spannungsvolle Beziehung setzt.

Die angewandte Kunst ist durch die Namen Tapio Wirkkala (Glaskunst), Birger Kaipiainen (Keramik), Dora Jung (Textil) oder Bertel Gardberg (Schmuckdesign) auf den Mailänder Triennalen bekannt worden.

Vortrag von Armin Diedrichsen
in der Evangelischen Akademie Hofgeismar
am 16.8.2003

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Aktualisiert 03.09.2003


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