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Ministerium für auswärtige Angelegenheiten

Botschaft von Finnland, Berlin : Finnland in Deutschland : Blog

BOTSCHAFT VON FINNLAND, Berlin

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Generalkonsulin Erja Tikka verfolgt die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Ereignisse in Norddeutschland. In ihrem Blog gibt sie Einblicke in die deutsch-finnische Zusammenarbeit, berichtet über wichtige Ereignisse in Finnland und über ihre Erlebnisse und Eindrücke. Und Sie, liebe Leserinnen und Leser, sind ganz herzlich eingeladen, die Texte zu kommentieren und weitere Anregungen zu geben! 

 

 

Der Teufelsgeiger und andere Künstler des Rantakala-Festivals begeisterten in Hamburg

Die vergangene Woche war ein einziges rauschendes Fest für das Generalkonsulat wie auch für alle Finnlandfreunde. Das Rantakala-Festival der Elbphilharmonie war ein großer Erfolg. An acht Abenden hintereinander gab es Konzerte, das von der Altersstruktur her sehr gemischte Publikum war begeistert und die Medien haben täglich darüber berichtet. Bereits im Vorfeld gab es Überschriften wie „Erbarmen, die Finnen kommen!“ und es wurden die Besten der finnischen Musikszene angekündigt.

JimiTenorJimi Tenor, hier im Gespräch mit General-konsulin Erja Tikka, stellte das Programm des Rantakala-Festivals zusammen. Foto: Peter J. Strehmel

Der Tausendsassa der Musik, Jimi Tenor, hatte ein Programm zusammengestellt, das einen hervorragenden Einblick in das Können der finnischen Musiker auf dem Gebiet der Klassik, des Jazz, der Volksmusik und des Elekto-Pops gab. Die Künstler überschritten mutig Genregrenzen und gaben originelle Kompositionen und Darbietungen zum Besten, die einen bleibenden Eindruck hinterließen. Das Rantakala-Festival wurde regelrecht zum „Talk of the town“. Die Elbphilharmonie wurde in der Presse sogar dafür gelobt, mit dem Festival eine wegweisende positive Ausnahme in das sonst eher leidenschaftslose Kulturleben Hamburgs gebracht zu haben.

Neben Jimi Tenor war Pekka Kuusisto der überragende Star des Festivals. Das Hamburger Abendblatt gab ihm den Beinamen „Teufelsgeiger“ und beschrieb ihn als einen Improvisationskünstler, der gemeinsam mit dem Hamburger Ensemble Resonanz das Publikum von den Sitzen riss. Der Einschätzung des Kritikers über das musikalische Feuerwerk des Abends stimme ich aus voller Überzeugung zu. Es war eine selten so frisch und fröhlich vorgetragene Mischung aus Sibelius, Rautavaara, Bartok und Savikangas, mit Folk-Improvisationen von Kuusisto auf der elektrisch verstärkten akustischen Geige und der E-Violine. Pekka Kuusisto besitzt die unglaubliche Gabe, das Publikum sowohl durch sein virtuoses Spiel als auch durch sein sympathisches Wesen für sich einzunehmen. Als der Applaus kein Ende zu nehmen schien, hat er das Publikum sehr entschieden mit einem Gute-Nacht-Lied, der Sarabande von Bach, nach Hause geschickt.

Der kreative Kopf des Festivals, Jimi Tenor, ist ebenfalls ein Multitalent. Sowohl beim Eröffnungskonzert mit der Schlagzeug-Legende Tony Allen als auch beim Abschlusskonzert mit dem UMO Jazz Orchestra wurden seine Kompositionen gespielt und Jimi Tenor griff mal zur Querflöte, zum Saxofon oder einem Tasteninstrument und sang sogar selbst. Die Medien haben ihn als den Andy Warhole des Nordens beschrieben, auf dessen musikalischem Hausaltar Größen wie Frank Zappa, Sun Ra und Pharoah Sanders zu finden sind. In der Musik von Tenor waren auch Klänge aus 60er- Jahre-Krimis zu hören, sie wurde als vielseitig und die Bigband-Arrangements als bereichernd empfunden.

WrestlingKimmo Pohjonen begleitete die Wrestler mit dem Akkordeon. Foto: Jussi Virkkumaa

Kimmo Pohjonen war dem Hamburger Publikum bereits vom Akkordeonfestival des vergangenen Herbstes bestens bekannt. Seine Performance mit den acht Ringern des Helsinki Nelson Wrestling Groups fand bereits in den Vorschauen am meisten Beachtung, so dass der Saal K6 auf kampnagel restlos ausverkauft war. Nach der Medienkritik übte das Kraft und Energie strotzende Akkordeonspiel von Kimmo Pohjonen einen hypnotischen Sog aus. Neben den von Pohjonen begleiteten Ringkampfszenen war die Performance von tänzerischen Elementen und einem typisch finnischen Humor geprägt. Ein anderer Kritiker fand den Wrestling-Abend nicht ganz so ansprechend wie die restlichen Konzerte des Festivals. Aber das Publikum hat begeisterten Applaus gespendet.

Beim Rantakala-Festival traten insgesamt 44 finnische Musikerinnen und Musiker auf. Das Meta4-Streichquartett bekam sehr positive Kritiken wegen seiner nordischen strahlenden Transparenz. Neben Voces Intimae von Sibelius hat das Quartett auch das Werk ”The Terror Run” von Jouni Kaipainen uraufgeführt. Das Kuára-Duo mit Markku Ounaskari und Samuli Mikkonen, das aus alten udmurtischen, vepsischen und karelischen Melodien schöpft, hat ebenfalls viel positive Aufmerksamkeit auf sich gezogen, ebenso Laura Naukkarinen. Wegen einer Berlin-Reise konnte ich leider nicht am Konzert der Folk-Musikgruppe JPP teilnehmen, in der auch eine ausgelassene Stimmung herrschte, wie mir später berichtet wurde.

Pekka Kuusisto ja Kimmo PohjonenPekka Kuusisto und Kimmo Pohjonen improvisierten spontan beim Brunch in der Residenz. Foto: Peter J. Strehmel

So konnte ich mich dann auch aus gutem Grund sowohl bei den Künstlern als auch bei den Festivalveranstaltern bei einem Brunch in der Residenz am Ende der Festivalwoche bedanken. In den deutschen Medien werden finnische Musiker und auch andere Künstler oft als „skurril“ bezeichnet, so auch im Zusammenhang mit dem Rantakala-Festival. Diese Charakterisierung gefällt nicht allen Finnen. Aber man kann es positiv betrachtet auch als originell und außergewöhnlich kreativ interpretieren. Zumindest bei den Künstlern des Rantakala-Festivals ging es nicht um Aufmerksamkeit erregende Effekthascherei, sondern um hochklassiges Können verbunden mit einer entwaffnenden Ungezwungenheit und Humor.

Aus der Begeisterung des Publikums folgt hoffentlich, dass das Festival Spuren in Hamburg hinterlässt, die auch zu weiteren Auftritten von finnischen Musikern in Hamburg und Norddeutschland führen. Und ich hoffe ebenso, dass die durch das Festival inspirierten deutschen Finnland-Urlauber im Sommer irgendwo in Finnland auch ein echtes Rantakala-Happening finden (rantakala = Strandfisch). Der Name des Festivals wurde von dem Produktionsleiter der Elbphilharmonie kreiert, der schon in seiner Jugend die Gelegenheit hatte, an einem See in Finnland beim Lagerfeuer „rantakala“ zu probieren und mit Freunden gemeinsam zu singen und zu feiern.


Erja Tikka, 23.02.2011

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Green Capital 2011 – Lob und Tadel

Vor zwei Jahren wurde Hamburg aus 35 Bewerbern zur Umwelthauptstadt Europas 2011 gewählt. Der Titel „European Green Capital” wird von der EU-Kommission an eine Stadt verliehen, die sich besonders im Bereich Umweltschutz hervorgetan hat, die aber auch noch Potenzial für weitere Verbesserungen aufweist. Hamburg sollte vormachen, wie die größte nordeuropäische Warenumschlagsdrehscheibe und ein Industriestandort mit einem großen Dienstleistungsangebot ein Vorreiter in Sachen Klima- und Umweltschutz sein kann.

Das Umweltjahr ist mit etwas zwiespältigen Gefühlen gestartet, da die schwarz-grüne Koalition, die das Programm vorbereitet hat, Ende des Jahres zerbrach und am 20. Februar Bürgerschaftswahlen anstehen. Im Wahlkampf schwindet die Einigkeit unter den Parteien in Umweltfragen dahin. Die CDU hebt die Unternehmen der Umweltbranche als Jobmotoren hervor, die Grünen pochen auf einen ökologischen Lebenswandel und die Sozialdemokraten kritisieren die Durchführung und die hohen Kosten des Projektes.

Hamburgs Klimaschutzprogramm zufolge sollen die Treibhausgase bis zum Jahr 2020 um 40 Prozent und bis zum Jahr 2050 um 80 Prozent reduziert werden gemessen an den Vergleichswerten von 1990. Um die angestrebten Werte zu erreichen, müsste man weitere Maßnahmen einleiten, wie z.B. die verstärkte Nutzung der kohlendioxidärmeren Fernwärme,  energetische Sanierung der älteren Gebäude sowie Reduzierung des Straßenverkehrs. Die Citymautgebühren scheinen nun vom Tisch zu sein, nachdem die CDU in ihrer Wahlkampagne behauptet hat, dass die SPD und die Grünen ebensolche planen.

Moderne Stadtplanung und zugige Häuser

Dalmannkai_PromenadePromenade am Dalmannkai in der HafenCity Hamburg, Foto: ELBE&FLUT; Quelle: HafenCity Hamburg GmbH

Das größte Bauprojekt Europas, die HafenCity im ehemaligen Hafenareal Hamburgs, ist ein Vorbild für die künftige Stadtentwicklung. Jedes Bauvorhaben muss bestimmte vorab definierte Kriterien hinsichtlich der Energieeffizienz, der CO₂ - Emissionen und der Nachhaltigkeit erfüllen, d.h. es werden nur Passiv- bzw. Niedrigenergiehäuser gebaut. In der HafenCity gibt es breite Geh- und Fahrradwege und ein dichteres Fahrradwegnetz als im übrigen Stadtgebiet. Ein weiteres neues Bauprojekt, die IBA-Ausstellung in Wilhelmsburg, soll komplett mit erneuerbaren Energien aus Wind, Sonne, Biomasse, Erdwärme und Wasser beheizt und beliefert werden.

Allerdings gibt es noch viel Nachholbedarf hinsichtlich der Energieeffizienz der älteren Bausubstanz. Nach Schätzungen der Umweltbehörde gibt es in Hamburg etwa 700 000 mangelhaft isolierte Wohnungen. Auch in meiner, Ende des 19. Jahrhunderts erbauten Dienstwohnung zieht es so, dass die Vorhänge flattern und die Wärme nach Draußen abzieht, obwohl auf unsere Bitte hin die Fenster modernisiert wurden. In Finnland weiß man, dass eine gute Wärmeisolierung Einsparungen sowohl bei den Heizkosten als auch bei den Kohlendioxidemissionen bringt, geschweige denn das gut ausgebaute Fernwärmenetz der Städte und Wohnsiedlungen.

Hervorragendes öffentliches Verkehrsnetz

Faehrlinie-62Auch Fähren gehören zum öffentlichen Nahverkehrsnetz in Hamburg. Foto: HVV

Hamburg hat ein sehr gut funktionierendes öffentliches Verkehrsnetz mit U- und S-Bahnen, Regionalbahnen und Buslinien. Für meinen Weg ins Büro benötige ich nur etwa 10 Minuten mit der U-Bahn. Die Züge sind sauber, pünktlich und sicher. Es gibt viele Fahrradwege und Leihfahrräder kann man mittlerweile an mehr als 70 Stationen bequem ausleihen. Im März startet versuchsweise das Projekt Car2go, bei dem man 300 umweltfreundliche Elektroautos ähnlich wie Stadtfahrräder ausleihen kann.

Hamburg mit dem großen Hafen ist andererseits auch eine Drehscheibe des Warenverkehrs. Und diese Tatsache stellt in der Tat eine große Herausforderung dar. Die Stadt hat es sich als Ziel gesetzt, die Logistikbranche umweltfreundlicher zu gestalten. Beispielsweise sollen LKW-Transporte zwischen den einzelnen Hafenterminals durch sogenannte „Containertaxen“ auf das Wasser verlagert werden. 70 Prozent der Container, die Hamburg verlassen, werden bereits auf der Schiene transportiert, das ist ein Spitzenwert in Europa. Dennoch sind die Umgehungsstraßen und Autobahnen voll mit LKWs. Und die Schornsteine der Schiffe qualmen weiter.


Eine saubere Stadt, aber im Recycling auf den hinteren Plätzen

Als ich nach Hamburg kam, war es eine große Überraschung für mich, wie wenig zumindest in meinem Stadtteil auf Mülltrennung geachtet wurde. Von meiner Wohnung in Helsinki her war ich es gewohnt, Bioabfälle und Papier vom Restmüll zu trennen. Wenn in unserer Dienstwohnung in Hamburg viele Gäste bewirtet werden, entsteht auch entsprechend viel Bioabfall. Es belastet schon mein Gewissen, wenn ich die Bioabfälle in die normale Restmülltonne werfen muss. In dieser Hinsicht steht Hamburg unter den anderen deutschen Städten am unteren Ende der Rangliste. Zu Beginn des Umweltjahres sollte jedes Haus vier unterschiedliche Mülltonnen zur Mülltrennung erhalten. In unserer Straße habe ich diese bunten Tonnen zumindest noch nicht gesehen. Bisher wurde der Müll verbrannt, aber durch verstärktes Recycling und Biogasanlagen sollen in Zukunft die Kosten gesenkt und die Emissionen reduziert werden.

Auch das Sammeln von Flaschen und Dosen ist in Finnland bequemer. In allen großen Lebensmittelläden stehen Automaten, die sowohl Glas- und Kunststoffflaschen als auch Aluminiumdosen annehmen. Als Belohnung spuckt der Automat einen Bon aus und das Pfandgeld gibt es dann an der Kasse. Hier muss man Glas, Plastik und andere Abfälle oft an unterschiedlichen Orten entsorgen, oft ist man auf ein Auto angewiesen, wenn man den Müll gewissenhaft trennen will.

Vom gesamten Erscheinungsbild her ist Hamburg allerdings eine außergewöhnlich saubere Stadt, von der sich so manch andere Stadt eine Scheibe abschneiden kann.

Grünflächen und Wasser

Mit all den wunderbaren Parkanlagensowie Grün- und Wasserflächen verdient Hamburg wirklich den Titel Umwelthauptstadt. Im Stadtgebiet gibt es 29 ausgewiesene Naturschutzflächen und sogar einen Teil des Nationalparks Wattenmeer kann Hamburg sein eigen nennen. Jetzt sollen alle Park- und Sportanlagen, Spielplätze sowie Schrebergärten und Friedhöfe zu einem sogenannten grünen Netzwerk so zusammengefasst werden, dass man sich darin im gesamten Stadtgebiet ohne Autoverkehr bewegen kann. Allerdings sollten die ansonsten sehr umweltfreundlichen Fahrradfahrer sich das Benutzen der Fahrradklingel angewöhnen, damit man als Nordic walker nicht dauernd wegen der überraschend von hinten kommenden Flitzer vor lauter Schreck zur Seite springen muss.

 


Erja Tikka, 09.02.2011

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