
von Angela Plöger
In der Sprache eines Volkes spiegelt sich seine Umwelt. Wandelt sich die Umwelt, wandelt sich auch die Sprache.
Die vergangenen 2-3 Jahrzehnte haben die gesellschaftliche und technische Realität der Menschen in Europa enorm verändert. Die Entwicklung von Kommunikation und Medien und die EU-Erweiterung stellten unerhörte Umwälzungen dar. Sie haben eine Fülle neuer Wörter und Wendungen mit sich gebracht – auch in Finnland.
Das Finnische hat bei der Aneignung fremder lexikalischer Elemente in der Vergangenheit vor allem zwei Wege beschritten. Fremde Wörter, besonders international gebräuchliche, wurden entweder geringfügig dem Finnischen angepasst (z.B. teatteri, huumori, rekisteri), oder sie wurden aus eigenem Sprachmaterial nachgebildet (yliopisto Universität, kiintiö Kontingent, laitos Institut).
Ebenso verfährt das Finnische noch heute. Überraschend ist freilich, dass die Fachausdrücke der Kommunikation überwiegend nicht in der englischen Form übernommen, sondern ins Finnische übersetzt wurden, z.B. suoritin Prozessor (abgeleitet von suorittaa ausführen,), tulostin Drucker (von tulostaa drucken, das selbst zu den neuen EDV-Termini gehört und auf tulos Ergebnis zurückgeht; neben tulostin existiert freilich auch printteri von engl. printer), selain Browser (von selata blättern), äänenohjain, (wörtl.: Tonsteuerung) oder äänikortti Soundkarte und paikannin (von paikantaa orten) Navigator, Ortungsgerät mit Kommunikationsfunktionen.
Ganz oder teilweise aus finnischen Elementen bestehen tietokoneComputer (wörtl.: Datenmaschine), kannettava (wörtl.: tragbarer [Computer]) und (liebes Kind hat viele Namen!) läppäriLaptop(von Laptop; das Wort erhält durch finnisch läppä Klappe einen zusätzlichen reizvollen Bezug), sylimikro ein kleiner Computer, den man auf dem Schoß hält (von syli Schoß und griechisch mikros klein), tiedosto Datei (wörtl.: Datensammlung), pikakomento Shortcut (wörtl.: Schnellbefehl), kuvanlukija Scanner (wörtl. Bildleser, auch skanneri genannt), levyke Diskette (wörtl.: kleine Platte). Das Wort muisti bedeutet Gedächtnis, steht aber in der Computerterminologie für Speicher. Sieht man in Finnland im Computer etwas Menschliches?
Ein rein finnischer Ausdruck für das Internet ist verkko(wörtl.: Netz), nach dem Englischen net auch als netti bezeichnet. Finnische Stämme haben kirjautua sich einloggen (wörtl.: sich einschreiben), kännykkä Handy, ohjelmistoSoftware und ohjelmoida programmieren (beide von ohjelma Programm), ebenso olla linjoilla online sein (wörtl.: in der Leitung sein).
Als nur leicht angepasste, sich selbst erklärende Fremdwörter sind dagegenklikata anklicken, zoomata zoomen, twiitata twittern, googlettaa oder googlata googeln sowie digiboksi wohl auch für jemanden zu erkennen, der nicht Finnisch spricht.
Neue Wörter entstanden in den letzten Jahren auch im Zuge des sich wandelnden Arbeitsmarkts. Kurze oder befristete Arbeitsverhältnisse als Ausdruck einer eingeschränkten Beschäftigung finden ihren sprachlichen Niederschlag in Ausdrücken wie vuokratyö Leiharbeit, pätkätyö (pätkä ein Stück von etwas und työ Arbeit) kurzfristiges Beschäftigungsverhältnis, und vuorotteluvapaa (wörtl. etwa: abwechselnd frei). Bei diesem Arrangement teilen sich zwei Personen einen Arbeitsplatz, indem sie abwechselnd z.B. vier Monate arbeiten und dann vier Monate Urlaub machen.
Natürlich gibt es in Finnland inzwischen auch Immigranten, maahanmuuttajat (wörtlich: ins Land Ziehende), die es zu integrieren gilt. Dem finnischen Verb für integrieren (kotouttaa) liegt sympathischerweise eine Variante des mit positiven Emotionen besetzten Wortes für das Zuhause, das Heim (koti, koto) zugrunde, der Neuankömmling soll also hier heimisch werden. Seit den 90er Jahren ist die Rede vom paluumuuttaja, dem Rückkehrer. Damit waren zunächst finnischstämmige Personen aus Ingermanland und ihre Nachkommen gemeint, heute generell finnische Staatsbürger, die im Ausland gelebt haben und nach Finnland zurückkehren.
Ihre Spuren hat auch die EU im Finnischen hinterlassen. Die Abkürzung EU steht heute für Euroopan Unioni, was aber nur scheinbar selbstverständlich ist. Denn viele Finnen empfanden das Wort unioni zunächst als so fremd, dass die Zeitung Helsingin Sanomat sich seinerzeit dafür aussprach, die Bezeichnung ins Finnische als Euroopan Yhteisö (yhteisö Gemeinschaft) zu übersetzen, und dann die Abkürzung EY selbst häufig verwendete.
Die Bezeichnungen für das Europaparlament, die Europäische Kommission und der mit der EU eng verbundene Begriff Direktive sind inzwischen längst in den finnischen Sprachgebrauch eingegangen (Euroopan parlamentti bzw. komissio, direktiivi). Das gilt ebenso für den Begriff Parlamentsmitglied, englisch member of parliament, abgekürzt mep, der nun auf Finnisch entsprechend meppi lautet. In jüngerer Zeit hat, zusammen mit dem Problem, auch der in der EU gebräuchliche Terminus Papierlose, also illegale Einwanderer, in der Form paperittomat, als sogenannte Lehnübersetzung ihren Weg nach Finnland gefunden.
Wer regelmäßig eine finnische Zeitung liest, gewinnt den Eindruck, dass mit dem EU-Beitritt Finnlands die finnische Sprache mehr Internationalismen übernimmt. Dazu zählen u.a. Wörter wie legendaarinen, legendär, innovointi Innovation mit lateinischen und hektinen hektisch mit griechischen Wurzeln. Debatti und ekspertti sind französischen und kinder, auch kindermuna Überraschungs-Ei, deutschen Ursprungs. Begriffen wie brändi Marke, brunssi, Brunch, cooleus Coolheit und tuunata bearbeiten, „tunen“ sieht man die englische Herkunft noch an. Schwieriger ist es bei livenä, das durch die finnische Endung –nä erweitert ist, so gesprochen wie geschrieben wird und live, also (z.B. eine Sendung) direkt (übertragen) bedeutet.
Das lange maahanmuuttaja ist inzwischen zu einem sogenannten Stummelwort reduziert worden: mamu, das allein oder in Zusammensetzungen wie mamunuoretjugendliche Einwanderer, verwendet wird. In diese Kategorie gehört auch luomu, Bio- als Warenklassifikation, eine Verkürzung von luonnonmukainen natürlich, naturgemäß. Neubildungen aus Abkürzungen sind alvi Mehrwertsteuer aus der Abkürzung alv von arvonlisävero, und kepsi Navigator von englisch GPS. Von seiner Struktur her erinnert kepsi an deutsch simsen eine SMS schicken, das aus eben dieser Abkürzung geformt wurde. SMS heißt auf Finnisch übrigens tekstari (eine verkürzte Slangform von tekstiviesti Textnachricht).
Alltägliche Begriffe haben nicht nur im Volksmund ganz neue Bedeutungen angenommen: mäyräkoirabezeichnet nicht mehr nur den Dackel, sondern eine handelsübliche Packung mit zwölf Flaschen Bier, und mummo nicht nur die Oma, sondern auch (verkürzt aus mummonmarkka) die alte Währung Finnmark. Kotisivu aus koti Heim und sivu Buchseite steht ganz offiziell fürHomepage. Dem Wort korppu(von kova levyke harte kleine Platte) in der Bedeutung 3,5“-Diskette war ebenso wie dem Gegenstand nur eine kurze Lebensdauer beschieden; korppu (das ursprünglich Zwieback bedeutet) wurde rasch von romppu CD-rom verdrängt.
Ein ganz eigenes Kapitel ist der Slang, eine Sprachebene, die dem Wandel besonders stark unterliegt und sich durch Farbigkeit, Kürze und Humor auszeichnet. So wie alle Beispiele in diesem Text sind auch die folgenden nur zufällig und unsystematisch ausgewählt und erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Persut, eigentlich perussuomalaiset, sind die wahren Finnen, die Partei, die bei den letzten Wahlen so große Gewinne erzielte und sich nun doch nicht an der Regierung beteiligt. Eine Nebenbedeutung im Slang ist Idiot, Landei. Die Bezeichnung bezieht ihren Witz daraus, dass persu den Muttersprachler sofort an finnisch perse Arsch erinnert. Weitere neue Slangwörter sind häläri Signalanruf auf dem Handy, den man nicht beantwortet (von hälytyssoitto); lyhäri Kurzfilm (korrekt lyhytelokuva); ostari, eigentlich ostoskeskus Einkaufszentrum; steissi Bahnhof, von engl. station; eksäundnyksä ehemalige/r bzw. gegenwärtige/r Partner/in, von latein. ex- ehemalig bzw. finnisch nyt jetzt; kasarityyli Stil der 80er Jahre (von kahdeksankymmentä achtzig); kommari das Nokia-Handy Communicator (kommari bedeutetim Slangaußerdem Kommunist, meist mit abwertendem Unterton); sossu Sozialamt, soziale Dienste (von sosiaalivirasto); käydä seinällä Geld aus dem Automaten ziehen (wörtl.; zur Wand gehen); hengailla und chillata abhängen, chillen.
Sehr beliebt sind in Finnland öffentliche Ausschreibungen, in denen es um Namen für Gebäude, Sehenswürdigkeiten u.a. geht. So suchte die Zeitung Helsingin Sanomat unlängst eine griffige Bezeichnung für die Tablets, Kleincomputer mit touch screen. Aus 6700 Einsendungen wurde das Wort sormitietokone Fingercomputer zum Sieger gekürt. Ob es sich durchsetzen wird, dürfte seiner Länge wegen fraglich erscheinen. Im Volksmund wird inzwischen gern das griffige padi (von englisch pad) benutzt.