
Vortrag an der Humboldt-Universität zu Berlin
3. Februar 2010
Sehr geehrter Herr Professor Henningsen,
Herr Dr. Forsgård,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
es ist mir eine große Ehre und Freude zugleich, an der renommierten Humboldt-Universität zu Berlin sprechen zu dürfen. Ganz besonders freut es mich, dass ich über die Bedeutung der Ostsee von heute sprechen darf. Während meiner Zeit im finnischen Auswärtigen Dienst habe ich die Gelegenheit gehabt, viele Aufgaben wahrzunehmen, die mit wichtigen Ereignissen und Entwicklungen sowohl in Helsinki, Moskau, St. Petersburg und Stockholm als auch jetzt hier in Deutschland verbunden waren. Der Wandel des Ostseeraums von einem wichtigen Teil des geteilten Europas zu einem freien und offenen Raum der Zusammenarbeit ist für uns alle, die in diesem Raum wohnen, ein unvergessliches Erlebnis gewesen.
Die Ostsee ist heute beinahe gänzlich ein Binnenmeer der Europäischen Union. Von den Anrainerstaaten gehört nur Russland nicht zur EU. Dies ist eigentlich eine Wiederholung alter Fakten. Die Ostsee war stets von Ländern umgeben, die gemeinsame Interessen oder zumindest ein gemeinsames Schicksal hatten. In Ihrer Vorlesungsreihe, sehr geehrter Herr professor Henningsen, wurde die Geschichte dieses Raums bereits detailliert behandelt, weshalb ich nun auf den Ostseeraum von heute eingehen möchte.
Zunächst möchte ich einige Zahlen nennen. Im Ostseeraum leben ca. 90 Mio. Menschen. Etwa 15% des weltweiten Frachtverkehrs verläuft über die Ostsee. Dort sind ständig etwa 2000 Schiffe gleichzeitig unterwegs. Bis 2030 wird diese Zahl voraussichtlich um 50% zunehmen. Die Ostseeanrainerstaaten kommen für 12% des weltweiten Bruttosozialprodukts auf.
Die Ostseeregion ist also heute ein bedeutender, moderner, technisch und wirtschaftlich hochentwickelter Raum der europäischen Zusammenarbeit. Diese Zusammenarbeit vollzieht sich gleichzeitig subregional, regional und global.
Da das Thema meines Vortrags die Ostsee in der sich globalisierenden Welt ist, möchte ich mich hier mit drei Themengebieten befassen, die zugleich regional und global und wichtig sowohl für Deutschland als auch Finnland sind. Es wird keine Überraschung sein, dass diese Eingrenzung auch Russland einschließt. Die Themen sind Logistik, Energie und Umwelt.
Ich möchte mit der Logistik beginnen. Die wirtschaftliche Entwicklung im Ostseeraum ist in den letzten zehn Jahren exorbitant gewesen. So war dieser Raum zeitweise der Raum mit dem schnellsten Wirtschaftswachstum der Europäischen Union. Der Verkehr zwischen den EU-Ostseeanrainerstaaten hat rapide zugenommen und insbesondere der Handel zwischen der EU und Russland ist explosionsartig gewachsen. Deutschland ist als zweitgrößter Exporteur der Welt hier natürlich führend und auch der wichtigste Handelspartner Russlands. Russland verkauft hauptsächlich Energie und Rohstoffe an Deutschland und andere Europäer. Deutschland exportiert Investitionsgüter, Lebensmittel und andere hochveredelte Produkte.
Auch für Finnland ist der Handel mit Russland von zentraler Bedeutung, denn Russland ist nach Deutschland unser zweitgrößter Handelspartner. Finnland befindet sich außerdem am nördlichen Rand der Ostsee und profitiert von seiner Lage. Die Güterströme über die Ostsee nehmen ständig zu. Als Folge der derzeitigen Wirtschaftskrise ist dieser Handel etwas eingebrochen, aber wie viele andere glaube auch ich, dass sich das Wachstum nach dieser Rezession fortsetzen wird, wenn auch in einem etwas langsameren Tempo als zu Beginn dieses Jahrzehnts.
Der Güterstrom über die Ostsee setzt eine gut ausgebaute Infrastruktur voraus. Die Häfen haben eine Schlüsselposition inne, denn Transporte auf dem Landweg - geschweige denn auf dem Luftweg - sind teurer und schwerer durchzuführen als auf dem Seeweg.
Die deutsche Ostseeküste und auch die deutsche Nordseeküste sind voll von bedeutenden Häfen von Emden bis Greifswald. So wird über diese Häfen etwa die Hälfte der Container der Welt transportiert. Durch die Fertigstellung des Großhafens von Wilhelmshafen wird diese Kapazität nochmals erhöht.
Die finnischen Häfen befinden sich am anderen Ende dieser maritimen Logistikkette. Statistiken zufolge werden etwa 30% der Exporte aus der EU nach Russland über finnische Häfen und von dort aus weiter mit Fahrzeugen in das russische Inland befördert.
Ein großer Teil der Exporte aus dem Fernen Osten – aus Japan, Südkorea und China – nach Russland kommen in norddeutschen Häfen an und werden über Zwischenlager in Finnland ans Ziel gebracht. Dies ist interessant, denn eigentlich würde man denken, dass Wladiwostok im russischen Fernen Osten der am besten geeignete Einfuhrhafen für diese Güter wäre. Ich habe Wladiwostok vor zwei Jahren besucht und kann nur feststellen, dass die Kapazitäten dieses Hafens noch viele Jahre lang nicht ausreichen werden, um so große Gütermengen umzuschlagen. Einen weiteren Engpass bilden das schlecht funktionierende russische Schienennetz und die fehlenden Zwischenlager.
Nach Ansicht der Japaner und Koreaner gehört Russland zum europäischen und nicht zum asiatischen Markt. Dies begründen sie damit, dass hinter dem Ural in Sibirien und im russischen Fernen Osten weniger Leute wohnen und die Mehrheit der Bevölkerung und Kaufkraft im europäischen Teil Russlands liegt.
An der finnisch-russischen Grenze warten täglich mehrere Dutzend Kilometer lange LKW-Schlangen auf die Einreise nach Russland. Die Schienentransporte zwischen Finnland und Russland dienen größtenteils dem Personenverkehr und der Hafenbetrieb der St. Petersburger Region ist ineffizient und zum Teil korrupt. Hier wird sich die Lage jedoch bald bessern.
Als ich in den 1990er Jahren Generalkonsul in St. Petersburg war, habe ich mich oft mit russischen Fachleuten über Logistik unterhalten. Damals dachten sie in erster Linie an die Entwicklung ihrer Ausfuhrhäfen für den Export von Erdöl, Erdgas, Metallen und chemischen Produkten nach Europa. Beachtenswert war, dass die Russen den Gedanken eines Ausfuhrhafens außerhalb ihres Territoriums nicht akzeptierten und so bauten sie für den Erdölhandel den Ausfuhrhafen Primorsk im tiefsten Winkel des Finnischen Meerbusens. Ich habe damals gesagt, dass diese Denkweise veraltet sei und dass beispielsweise der wichtigste Ausfuhrhafen Deutschlands Rotterdam in den Niederlanden sei. Die Russen denken aber anders. Heute verstehen die Russen auch die Bedeutung von Einfuhrhäfen und errichten einen modernen Containerhafen in Ust Luga an der Südküste des Finnischen Meerbusens. Auch der Hafen von St. Petersburg wird modernisiert. All dies ist natürlich aus russischer Sicht vernünftig.
Die Zukunft der Logistik der Ostsee hat somit eine große Bedeutung für die Ausfuhren der Europäischen Union. Außerdem wird diese Logistik künftig mit der globalen Logistik verbunden, wenn Nord- und Mitteleuropa nach der Modernisierung des russischen Schienennetzes über Schienen durch Russland mit dem Fernen Osten verbunden werden.
Energie ist heute ein zentrales globales Thema. Die Ostsee ist eine wichtige Transportroute für die Energieimporte Europas geworden. Energie ist zwar Teil der hier geschilderten Logistik, bildet aber dennoch ein eigenes Thema.
Russland baute in den 1990er Jahren ein Erdölterminal nördlich von St. Petersburg. Primorsk wird mit der Zeit der größte Erdölhafen Russlands werden. Heute kommt diese Rolle noch dem Hafen Noworossijsk am Schwarzen Meer zu. Im Jahr 2007 wurden 145 Mio. Tonnen Erdöl aus Primorsk und anderen russischen Ostseehäfen ausgeführt. Es wird davon ausgegangen, dass diese Menge bis 2015 auf 250 Mio. Tonnen anwachsen wird.
Die Nord Stream Gaspipeline hat die Ostsee als Transportroute für Erdgas bekannt gemacht. Dieses Projekt wird höchstwahrscheinlich verwirklicht, wenn Finnland seine letzte Genehmigung für den Bau dieser Pipeline in seinem Wirtschaftsraum erteilt hat.
Nach Inbetriebnahme der beiden Nord Stream Pipelines verfügen diese über Transportkapazitäten für 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas jährlich. Heute werden 130 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr aus Russland in die EU ausgeführt. Die Nachfrage nach Gaseinfuhren wird künftig steigen. Nach Berechnungen von Nord Stream könnten durch diese Ostsee-Pipelines 25% der erforderten zusätzlichen Importe befördert werden. Es ist auch von einer eventuellen Anlage für Flüssiggas in Ust Luga und einem Empfangsterminal beispielsweise in Saßnitz die Rede gewesen. Der Transport von Flüssigerdgas wird eine Transportform der Zukunft sein. An der Ostsee wird eine diesbezügliche Infrastruktur jedoch kaum in den nächsten Jahren gebaut werden.
Wie bei der Logistik befinden sich auch die Quellen und die Zukunft für Energie tief im Inneren Russlands. Die Nachfrage nach Erdgas steigt in Europa, wenn auch nicht so stark wie bisher angenommen. Neue Erdgasvorräte befinden sich auf der Jamal-Halbinsel in Nordwest-Sibirien und im sogenannten Stockmann-Feld in der Barentssee. Es handelt sich um Großprojekte, die eine weltweite Logistik erfordern.
Über die Energietransporte kommen wir zum nächsten Thema, nämlich zum Umweltschutz. Wie die wirtschaftliche Entwicklung und die Logistik ist auch der Umweltschutz ein Faktor, der die Ostseeanrainer miteinander verbindet. Die Ostsee gehört zu den am stärksten verschmutzten Meeresgebieten der Welt. Aktuelle Themen sind die Eutrophierung, die wachsende Gefahr einer Erdölkatastrophe durch den zunehmenden Tankerverkehr, giftige Schadstoffe und Abwasserreinigungsanlagen.
Der internationale Umweltschutz umfasst mannigfache internationale Strukturen. Die bekanntesten Gremien, die sich mit dem Schutz der Ostsee befassen, sind das Ostseenetzwerk BSSSCE und die zwischenstaatliche Kommission HELCOM. Eine Errungenschaft der vor einem Monat zu Ende gegangenen EU-Ratspräsidentschaft Schwedens ist die Ostseestrategie der EU, bei der der Ökologie eine zentrale Rolle zukommt. Bei der Umsetzung dieser Strategie übernimmt Finnland die Federführung für Seesicherheit und die Überwachung der Seegebiete. Diese Angelegenheit ist uns sehr wichtig, denn im Finnischen Meerbusen sind täglich ca. 600 Handelsschiffe unterwegs, von denen ein großer Teil Erdöltanker sind.
In einer Woche, nämlich am 10. Februar, werden die Staats- und Regierungschefs der Ostseeanrainerstaaten auf Einladung der Staatspräsidentin Tarja Halonen an dem Gipfeltreffen Baltic Sea Action Summit in Helsinki teilnehmen. Es geht hierbei um ein Treffen, bei dem man versuchen will, Private-Public-Partnerships im Ostseeraum zu fördern. Hierbei werden öffentliche und private Akteure in den Ostseeanrainerstaaten sogenannte Commitments bezüglich konkreter Maßnahmen zur Rettung der Ostsee eingehen.
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
wie beispielsweise das Mittelmeer hat auch die Ostsee immer Völker miteinander verbunden. Für uns Finnen war die Ostsee wichtig als Route nach Mitteleuropa und nicht zuletzt nach Deutschland. Ich bin selbst im Europa des Kalten Krieges aufgewachsen und lernte, die Ostsee nicht nur als verbindendes, sondern auch als geteiltes und trennendes Element zu betrachten. Das Meer verband uns mit Schweden, Dänemark und Deutschland. Das Meer trennte uns vom Baltikum und von Polen. Die Einigung Europas zeigte, dass diese Auffassung - wenn nicht falsch - so zumindest von kurzer Dauer war. Heute verbindet uns die Ostsee auf eine neue Art. Die uns verbindenden Faktoren sind zugleich regional und global und ich bin hier auf drei dieser Faktoren – die Logistik, die Energie und den Umweltschutz – eingegangen. Bei der Entwicklung der Europäischen Union ist der Norden wichtig. Der Ostseeraum ist ein Nährboden für Wohlstand und neue Impulse. Dieser Raum ist dynamisch und multikulturell europäisch. Zu dieser Dynamik trägt außerdem die Mitwirkung Russlands an der regionalen Zusammenarbeit und als Handelspartner dieser Region bei.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.